Nachts auf dem Parkplatz Glinkastraße

Es ist Nacht. Es ist kalt. Eine raue Herbstnacht im September 2012. Der Herbst kommt dieses Jahr früh. Der Herbstwind stürmt durch die Straßen von Berlin Mitte, er treibt Zeitungsblätter vor sich her, Zeitungsblätter, die der Asphalt Tiger nicht versteht. Doch auch der Wind kann nicht lesen. Ein blindes Schicksal treibt die Welt dem Ende entgegen, die Welt am Sonntag. Der Zeitungsfetzen verschwindet um die Ecke, aber der Tiger geht geradeaus.

Wohin? Sie haben sein Lieblings-Parkhaus abgerissen, in der Behrenstraße gegenüber der Komischen Oper. Sie haben noch nicht angefangen zu bauen, doch drohend stehen da schon die Krane und die Baumaschinen. Tiger guckt durch den Zaun. Der Parkplatz hinter dem alten Parkhaus ist noch da. „Wenigstens etwas!“ Asphalt Tiger seufzt.

Nachts ist eine eigenartige Zeit. Eine eigene Tageszeit ist die Nacht! Umgekehrt könnte man das nicht sagen: Eine eigene Nachtzeit ist der Tag? Allenfalls in der Nervenanstalt! Die Geisteskranken und Wahnsinnigen aber haben eine eigene Würde, die es ihnen erlaubt, am Tage das auszusprechen, was der gewöhnliche Mensch nur in der Nacht begreift. Oder?

Asphalt Tiger jedenfalls liebt die Nacht dafür, dass sie ihm den täglichen Wahnsinn so hell und deutlich zeigt.

„Tritt näher, People, und lass alle Hoffnung fahren!“

Noch nie hat sich Asphalt Tiger einen Parkplatz-Kassenautomaten näher angesehen. Warum auch!? Auf leichten Pfoten schwebt ein Tiger durch die Stadt.

Warum fühlt er sich angelockt? Der Automat zieht ihn magisch an. Verrückt!

Als er näher tritt, erschrickt er: „Außer Betrieb… Bitte benutzen Sie die Notruftaste!“ Was soll er tun? Was wird geschehen, wenn er die Taste benutzt? Muss er das, als einsamer Spaziergänger? Asphalt Tiger fühlt Panik in sich aufsteigen: Das drohende Rot des Bildschirms fordert ihn auf zu handeln; er muss jetzt handeln, sofort, aber er weiß nicht wie! Und da das Rot des Bildschirms so vehement wirkt, glaubt er nicht an einen Irrtum des Automaten, der sich womöglich korrigieren lässt. Das Rot funkelt ihn unaufhörlich diabolisch an.

Ein kalter Hauch weht ihn plötzlich an. Asphalt Tigers Blick irrt über das blanke Metall des Automaten, das eine Eiseskälte ausstrahlt. Asphalt Tiger will das Blut in den Adern gefrieren. Mit kalter Hand wird hier die Suggestion des roten Teufels in ihre Schranken gewiesen, nur um eine umso grausamere Macht zu entfalten. Der Eindruck des blanken, teuflischen Bösen steigert sich, als Asphalt Tiger sich nicht nur zum Bezahlen – des Steuermanns? Tod und Verderben! – aufgefordert sieht, sondern auch zum sofortigen Ausfahren.

„Ausfahren!? Alle Geister der Hölle! Wer muss hier exorziert werden!? Doch nicht ich! Der Automat!“

Doch an wen will Asphalt Tiger appellieren, in diesem teuflischen Gerichtsverfahren? Wen will er vom Irrtum dieser Höllenmaschinerie überzeugen? Er dreht sich in einem Teufelskreis, gefangen in einem diabolischen Widerstreit, der keine Lösung kennt. Verzweifelt suchend dreht er sich um – und erschrickt umso mehr:

Hatte er doch richtig gespürt: Er wird beobachtet! Ein grausamer, tödlich kalter Blick lastet auf ihm, kontrolliert seine Bewegungen, seine Handlungen. Seinen Notruf, der ihm in der trockenen Kehle stecken bleibt! Seine Weigerung, seine Schuld zu bezahlen! Seine Verstocktheit, ordnungsgemäß auszufahren! Korrektur? Unmöglich.

In was für eine Falle ist Asphalt Tiger da geraten? Immer mehr hat er das Gefühl, dass das ein abgekartetes Spiel ist, das nur noch auf einen ahnungslosen Mitspieler gewartet hat. Ein Spiel, das von der gnadenlosen Anordnung seiner Elemente lebt, von einer mechanischen Abfolge kühl kalkulierter Spielzüge, getätigt von einer Apparatur, die sich still und leise in Gang setzt, sobald das naive Opfer erst in diese Falle getappt ist. Ein Spiel, dessen Ausgang fast hundertprozentig sicher scheint. Asphalt Tiger schluckt.

Mit letzter Kraft springt er beiseite. Verlässt diese tödliche Installation: den Kassenautomat der Vernichtung.

So einfach geht das! Mit einem Schlag ist der Bann gebrochen! Der Bann des Bösen. Mit Befriedigung stellt Asphalt Tiger fest, dass er sofort wieder Freude an den kleinen Dingen des Lebens findet.

Wie seltsam das ist! Ist man soeben der höchsten Gefahr entronnen, hat sich die unglaubliche Anspannung der Nerven wie Drahtseile eben grad gelöst, nimmt man die Welt auf einmal wie eine einzige Welle aus Schönheit wahr! Die Welt strahlt in vollem Glanz! Gerade in der Nacht.

Asphalt Tiger jubelt: „Wie schön!“

Jetzt geht er gestärkt durch die Nacht zur Straßenbahn.

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