Leipziger Platz 12: Neu! Selbstorganisiertes Arbeiterhousing

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„Leute!“

„Was!?“ Die Bauarbeiter lassen alles, was sie grad in ihren Händen halten, fallen: Hämmer, Brechstangen, Schippen, Rohre. Es knallt erst mal gewaltig.

Dann wenden sie sich ihrem Kollegen zu, der noch das schwarze Telefon in der Hand hält. Die Arbeiter haben kein Bock mehr! Es ist mitten in der Nacht, und sie müssen immer noch arbeiten.

„Der Scheff hat eben angerufen.“

„Und?“, fragen die Arbeiter unwirsch und spucken erst mal eine fette Aule verächtlich in die Ecke.

„Der hat gesagt, die Mode-Fuzzis ham es sich anders überlegt. Mit dem größten Einkaufszentrum Europas.“ Sagt der mit dem schwarzen Telefon. „Die wollen jetzt doch nicht hier einziehen. Der Scheff hat gesagt, die fahren jetzt erst mal alle ins Sauerland, ‚erst mal richtig einen Saufen‘, haben die gesagt.“

„Yeah!“, jubeln da die Bauarbeiter! Keiner weint denen eine Träne nach.

Erst mal machen die Bauarbeiter jetzt ein Fass auf. Keiner macht hier mehr einen Handschlag. Die Scheffs können sie jetzt voll am Arsche lecken, der Platz wird erst mal wieder angeeignet als gesellschaftliches Eigentum! Platz gibt es hier ja genug, wie man sieht!

O.k., jetzt müssen sie erst noch mal ein bisschen Sabotage machen, damit das Gelände für kommerzielle Zwecke vollkommen ungeeignet ist und keiner mehr auf falsche Gedanken kommt: Ein riesiger Kübel Beton saust von dem Kran in die Tiefe, reißt ein tiefes Loch in den Boden der Baustelle, durch das sofort klares Wasser einströmt. „Für uns alle, zum Schwimmen!“ Am Rande des Sees bauen sie erst mal Liegestühle auf. Sand ist ja genug da, ist ja schließlich Berlin.

„Mann, Alter! Das gehört jetzt alles uns!“

Die Bauarbeiter können es nicht fassen! Viele von ihnen wohnen sehr beengt in den vielen Bauarbeiterwohnungen, in den vielen abgewrackten Plattenbauten, draußen in Marzahn, Lichtenberg oder Hellersdorf. Ganze Häuser voller Bauarbeiter! Nachts kann keiner schlafen, weil die Wände von dem tausendfachen Schnarchen wackeln. Enge Zimmer, nur ein Bett, ein Schrank, ein Stuhl.

Hier in Berlin Mitte dagegen ist so unermesslich viel Platz! Jetzt! Nachdem die Scheffs die Einkaufszentrumspläne gecancelt haben, um das Sauerland erst mal real estate-mäßig umzukrempeln.

Die Bauarbeiter fackeln jetzt nicht lange und verwirklichen ihre Wohnpaläste in ihrer eigenen Ästhetik: Eine edle, doch einfache Architektur, die sich durch Flexibilität, durch Improvisation und das Spiel mit dem eben Vorhandenen auszeichnet.

Helligkeit, Transparenz, die Möglichkeit, einfachste Elemente immer wieder neu zu kombinieren, und vor allem: das Prinzip der Egalität zeichnet diese Bauten aus – Bauten, die das „steinerne Berlin“ der gegenwärtig herrschenden Stadtplanertrupps dahin verweisen, wo es hingehört: ins ewige Gestern.

„The Vernacular Architecture“ – das sieht für die Bauarbeiter eben so aus:

Häuser, die man überall aufstellen kann. Dort, wo es gerade schön ist. Zum Beispiel da, wo kein Einkaufszentrum entsteht! Wo die Leute sich was Neues ausdenken müssen für ihre Freizeit, weil keine Geschäfte offen sind, weil es keine gibt. Nebenan ist eine Wiese. Die Bauarbeiter beschließen, das Gras wachsen zu lassen, und trotzdem Federball zu spielen. Morgen. Die Bauarbeiter sind die neue kreative Klasse!

Die Bauarbeiter haben jetzt viel Zeit. Die gesellschaftlich notwendige Zeit, tolle Hütten statt bescheuerter Paläste zu bauen, ist unglaublich niedrig. Peng, und so eine Hütte steht! Die ganzen Touristen gehen jetzt nicht mehr Einkaufen, sondern gucken sich die neue, innovative Arbeitersiedlung an, um was für zu Hause mitzunehmen. Um was fürs Leben zu lernen. Und vielleicht macht ja auch bei ihnen ein großes Einkaufszentrum doch nicht auf, und sie können selber in ihrer Innenstadt zu bauen anfangen.

Die Bauarbeiter sind jedenfalls froh, dass alles so gekommen ist. Ihren Scheff haben sie übrigens nie wieder gesehen!

 

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