Geisterjäger A. Tiger in Gefahr

„Verflucht! Fast wäre es passiert!“

Geisterjäger A. Tiger reißt den Lenker rum. Seit Stunden ist er gerade aus gefahren, und jetzt das: Eine Kurve!

Fast hätte sie ihn aus der Bahn geworfen. Nur langsam beruhigt er sich wieder.

Ob er einer falschen Spur folgt? Die Einsamkeit des Landstrichs verunsichert ihn, aber bestätigt ihm gleichzeitig: Hier liegt was im Argen! Geisterjäger A. Tiger kann den Spuk schon förmlich riechen.

„Diese mörderische Hitze!“ Tiger wischt sich den klebrigen Schweiß von der Stirn, und darunter fühlt sich sein Kopf wie Holz an, braun und dörr. Und diese gottverdammte Stille! Die Nerven liegen blank.

Plötzlich sind sie da:

„So hatte der Bürgermeister also recht!“

Der Geisterjäger pfeift durch seine Zähne. Der ganze Horizont ist voller Trikolopiten!!! (So hatte der Bürgermeister, ein älterer, fülliger Herr auf einem Traktor, sie jedenfalls genannt)

Tiger bewegt sich vorsichtig, damit sie ihn nicht sehen. Niemand weiß viel Genaueres über sie, außer dass sie gefährlich sind. Überall im Land tauchen sie jetzt auf, und die Menschen versuchen sich zu wehren. Aber man munkelt, sie sind schon fast genauso stark wie Uran!!!

Es ist nicht der einzige Bürgermeister, der dagegen kämpft. Der Geisterjäger beschließt, ihm ehrenamtlich zu helfen.

Asphalt Tiger biegt in einen Feldweg ein und beschließt, sich den Phänomenen vorsichtig zu nähern. Noch hat er keinen Plan, wie er sie unschädlich machen soll. „Ich sehe sie!“, flüstert er ins Funkgerät, um dem Bürgermeister Bescheid zu sagen. Doch das gibt sofort seinen Geist auf und verabschiedet sich mit einem lauten Piepton Jetzt ist der Geisterjäger ganz auf sich allein gestellt.

Plötzlich kann er sie hören: Ein lautes Wummern erfüllt die Luft und lässt den Boden erzittern.

„Das können nur die Trikolopiten sein!“ Ruft der Geisterjäger laut aus und hält sich selbst vor Schreck den Mund zu.

Doch zu spät! Sie haben ihn schon entdeckt. Als er sich nach links umdreht, ist schon alles voll von ihnen.

„Scheiße! Sie müssen sich unbemerkt angeschlichen haben. So viel Klugheit hätte ich ihnen nie zugetraut! Euch zeige ich es, ihr Biester!“

Langsam, aber beharrlich schleichen sich Tausende Trikolopiten auf den Tiger zu. „Attacke!“ Tiger gibt Gas und will jetzt einfach sehen, was passiert.

Die Monster haben Heimvorteil: Als die Dunkelheit zunimmt, schalten sie einfach ihre Nachtsichtgeräte ein.

Die Schurken rücken immer näher. Tiger atmet hektisch und sieht rot.

Doch was hatte ihm der Bürgermeister gesagt? Was hatte er ihm eingeschärft, bei ihrer ersten Begegnung? Es war erst vor wenigen Stunden, doch Asphalt Tiger kam es wie Jahre her vor.

Der Bürgermeister

Ein Tag, flirrend in der Hochsommerhitze. Hoch saß der Bürgermeister da, auf seinem Traktor. Schweiß rann ihm runter, tränkte den massigen Leib unter Wollhemd und Drillichhose, verströmte würzigen Geruch. Der Bürgermeister bewegte sich kein Stück von der Stelle. Wie auch?

Der Traktor vom Bürgermeister versperrte den Weg. „Kann man nichts machen! Kein Benzin!“ Mitten in der Pampa, auf der glühenden Landstraße. Kein Mensch weit und breit. Der Geisterjäger kam nicht dran vorbei. Er wurde fast wahnsinnig! Tiger stand da, die Arme in die Seiten gestemmt. Seit Stunden.

Abb.: „Trau keinem über 30!“

„Einen Rat kann ich ihnen geben, junger Mann. Gut Ding will Weile haben! Eile mit Weile! Merken sie sich meine Worte.“

Dann nickte der Bürgermeister und schwieg. Der Geisterjäger bewunderte die Schlichtheit des Mannes vom Land. Der Bürgermeister seufzte: „Aber ich habe im Moment ganz andere Sorgen!“ Dann erzählte er die Geschichte von den Trikolopiten. Der Geisterjäger horchte auf.

„Passen se aber gut auf sich auf! Und Eile mit Weile!“ Der Bürgermeister drückte auf die Hupe, als sie sich verabschiedeten.

Weiter!

Eile mit Weile! Nie hätte der Geisterjäger den Worten des Mannes größere Tiefe beigemessen als jetzt! Das war des Rätsels Lösung!

Und als er anhielt, innehielt, um besser nachdenken zu können und neuen Mut zu schöpfen, wurde die Trikolopiten erst langsamer und standen schließlich starr und unbeweglich da wie die Ölgötzen. Sie fügten sich der Macht des Geistes, der Besonnenheit. Des Tigers.

Asphalt Tiger atmete erleichtert auf: Er hatte die Monster bezwungen.

„Besiegt! Jetzt aber nix wie weg!“

Doch bevor er so richtig von Null auf Hundert beschleunigt hatte, tauchten schon die nächsten auf am Horizont.

Liebe Leute!

Ist das nicht so: Sollten wir nicht lieber, statt all unsere Energien in der alltäglichen Hetze zu verschwenden, im Rausch der Geschwindigkeit der Gegenwart, — sollten wir nicht ein wenig innehalten? Ein wenig verschnaufen? Ein wenig nachdenken?

Geisterjäger A. Tiger weiß es jetzt: „Ja!“ Denn dann brauchen wir auch keine Angst mehr haben, vor all den düsteren Phantomen. Die den Wind mit Flügeln schlagen. Um mit Windkraft was zu füttern? Die Maschinen, die uns durch den Alltag hetzen: Plärrende Radios, flimmernde Fernseher und quietschende Computer. Wir werden sie befreien, die Riesen, die die Winde schlagen! Durch unsere Träume, durch unsere Langsamkeit, durch unsere Nachdenklichkeit.

Die Grillen zirpen. Der Geisterjäger atmet tief durch und genießt die Sommernacht.

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