Nachts am Kreuzpfuhl

Nachts am Kreuzpfuhl. Alle Menschen schlafen. Nur der Tiger nicht. Er geht durch den Park.

Einsam und verlassen liegen die Wege. Das Licht ist noch an. Für wen? Für den Tiger? Keiner weiß, dass er hier lang geht.

Alle Menschen schlafen. Hier am Kreuzpfuhl, im tiefsten, verlassensten Weißensee.

Er geht an dem alten Schloss vorbei. Er weiß: Die Pforten sind fest verschlossen. Klopf klopf? Keine Chance. Das Holz ist massiv. Der Nachtwächter schläft, die weiße Mütze tief in der Stirn. Sein Krug ist leer: alle. Weiße Fransen hängen unter seiner Mütze vor: Haare. Der Nachtwächter ist uralt. Ruhe sanft!

Auch die Natur ruht aus. Es ist Ende Juni, und schon ist sie erschöpft. Erschöpft von der Hitze, erschöpft von den Stürmen. Die Pflanzen haben Blätter, tiefgrün, sie hängen herunter, selbst in der Nacht, und vom Boden herauf kriecht schon die Raupe.

Des Tigers Blick schweift über Büsche, über Bäume, über Wege und Gras. Sieht Wasser, sieht Lichter, und das blaue Glänzen der Nacht.

Ein Wind streift durch die Weiden. Eine Fledermaus wispert leise: „Tiger!“ Doch lauter noch und deutlicher hört Tiger: die Menschen. Die alten Menschen von Weißensee.

Sie haben die Fenster geöffnet, in dieser linden Nacht. Und Tiger hört sie schlafen, hört sie herzhaft schnarchen: Die alten Menschen von Weißensee. Hört sie murmeln in ihren Träumen! Hört sie sich wälzen in den schweren Federbetten, viel zu schwer in dieser Jahreszeit. Hört die Betten knarzen, hört die Menschen ächzen, noch kämpfend mit den Lasten des letzten Tages!

Hört sie schmatzen mit ihren faltigen Mündern, in Gedanken bei Reh und Rotkohl. Hört auch das stete Brausen der Correga-Tabletten unter den Dritten Zähnen, in dem randvollen Glas auf dem Nachttisch. Hört einen Dackel kläffen im Traum, und schnappen nach prallen, tribal tätowierten Waden! Hört die Kuckucksuhr, das Ticken des Weckers, das Tropfen des Hahns.

In Weißensee. Am Kreuzpfuhl.

Der Kreuzpfuhl nimmt sie auf, all die Geräusche all der alten Menschen von Weißensee. Speichert sie auf, lässt sie sinken und sich setzen im schlickigen Grund, lässt sie schweben, in der kühlen Luft über dem nassen Element. Mischt sie mit den unsichtbaren, wirren Spuren der Fledermaus und dem aufgeregten Schnattern der Enten, die auch des Nachts hier ziellos ihre Kreise ziehen.

Die alten Menschen von Weißensee! Unbekümmert schlafen sie ihren Schlaf. Entledigen sich im Schlaf ihrer Sorgen, ihrer Wünsche, ihrer Ahnungen. Träumen! Träumen laut.

Wissen sie, was der nächste Tag bringt?

Asphalt Tiger ahnt es: Ein Baukran wirft bereits sein fürchterliches Licht über den nächtlichen Kreuzpfuhl! Bald schon bevölkern junge Familien mit Kindern das Gelände, in Neubauten zwischen Schönstraße und Pfuhl haushoch gestapelt bis in den fünften Stock.

Und Asphalt Tiger fürchtet weniger ihre laute Geschäftigkeit am Tage, ihr Lärmen auf den Spielplätzen, ihr lautes Geprahle in den Cafés, im Supermarkt und auf den Bürgersteigen, als ihre unduldsame Verteidigung der Ruhe in der Nacht. Der Nacht am Kreuzpfuhl in Weißensee.

Arme alte Menschen von Weißensee! Kein Schnarchen, kein Seufzen, kein Schmatzen wird euch mehr gestattet sein! „Störung der Nachtruhe!“ Polizisten klingeln euch aus tiefem Schlummer, Feuerwehrleute rücken an mit Sirenen und Leiter, und schließen gewaltsam eure offenen Fenster. „Kein Laut dringe da durch!“

Verfolgten die jungen Familien, in der Angst um lärmbedingte Erbschäden ihrer Brut, in den letzten Jahren das nächtliche Lärmen der feierfreudigen Jugend in den letzten Klubs der innenstadtnahen Bezirke, sorgten sie noch für Friedhofsruhe im Prenzlauer Berg, im Knaack, im Magnet, im Icon, so werden es bald die Alten der ruhigen Außenbezirke sein, die als Störfaktoren einer neuen Spießbürgerlichkeit zum Schweigen verdammt werden!

„Friedhofsruhe!“

Und die Tagesreste ihrer Träume, die jetzt noch als zarte Geräusche und Gerüchte über den Wassern von Weißensee schweben, noch als Sediment, aus Gestern, Heute und Morgen zart verwoben, in die Tiefen des Kreuzpfuhls sinken, werden dann an der gläsernen Mauer ihrer verschlossenen Fenster abprallen und zugrunde gehen: werden sterben am moralischen Regime einer neuen, harten Generation, die den Nachtschlaf nur als zweckrationalen Reproduktionsmodus der optimalen Leistungsfähigkeit würdigt.

Ade, altes Weißensee! Ade! Ade, ihr Träume! Ade, Alte! Alte Menschen von Weißensee.

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