Die Dürergärten in Mahlsdorf: Wohnen wie gemalt

Jetzt sind sie überall. Die Lunatics. Diese Wahnsinnigen. Sie sind auch hier draußen in Mahlsdorf. Sie bauen wie bekloppt. Wie Wahnsinnige bauen sie neue Heime. Neue Zufluchtsstätten für die Wahnsinnigen. Wahnsinn.

Vorhin ist Asphalt Tiger durch Altlandsberg gefahren. Die Kirchentür von der alten Kirche neben dem Schloss von Friedrich dem Großen, das nicht mehr steht, stand offen. Warum nicht!? Nix wie rin.

Abb.: Nicolaus Leutinger Pastor Landsbergis hic quiescit: ruht hier. Die lieben Leute haben ihm einen Stuhl hingestellt.

Drin lag auf dem Altar aufgeschlagen die Bibel mit dem Evangelium des Tages: Pfingstmontag. Des Tigers Augen irren ab. Irren über die Seite. Da!

Mt 17,14-21, Die Heilung eines mondsüchtigen Jungen:

„Als sie zurückkamen, begegneten sie einer großen Zahl von Menschen. Da trat ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Herr, hab Erbarmen mit meinem Sohn! Er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden. Immer wieder fällt er ins Feuer oder ins Wasser.“

Usw. usf. Ach, Tiger kennt das nur zu gut. Aber wer ist heutzutage nicht mondsüchtig, wer nimmt sich vom allgemeinen Wahnsinn aus?

Albrecht Dürer etwa?

Die größten Künstler, die Dichter, die Maler, die ganzen Architekten: Sie alle waren wahnsinnig! Aber eben auch: echte Genies.

Albrecht Dürer! Der Mann in den hautengen Damenstrümpfen läuft mit seinem berühmten Hasen rund um die Grundstücke und vermisst. Misst aus, nimmt Maß, erfasst das Terrain, wie in seinem Buch Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt (1525) beschrieben. Der Hase schnüffelt argwöhnisch und rümpft seine sensible Nase. Es ist dunkel, es ist Halbmond. Es ist unheimlich!

Weit hinten streichelt ein Mann sein Auto heimlich in der Garage. Er wohnt schon hier. Sonst ist niemand zu sehn. Keine Grille zirpt. Hier in Mahlsdorf.

Alles ist neu hier! Ein komplettes neues Viertel wälzt sich, auf einem breiten Bett aus Geröll, aus Kies, Rollsplitt und grauem Staub, in die üppig grüne Landschaft hinein. Die alten Rehe springen vor Schreck davon.

Das ist doch Wahnsinn!

Albrecht Dürer denkt sich einen guten Werbespruch aus, den alle verstehen:

„Wohnen wie gemalt!“

Die Welt gefriert zum Bild. Wird zum Kunstwerk, unverändert in alle Ewigkeit. Die Menschen sind bloß Staffage. Die Landschaft hinter dem Garten ist überall gleich. Ein Hund, Sinnbild der Treue und Wachsamkeit, schaut mit blitzenden Augen keck aus dem Bild heraus, die rechte Vorderpfote in Habachtstellung angewinkelt. Er lacht mit offenem Maul.

Das wichtigste am Haus ist aber die richtige Farbe: Gelb!

Wohnen wie gemalt. Schlafen wie Beton! Essen wie Holz! Relaxen im Garten wie Hartgummi! Der Nachbar redet Blech wie immer. Im Fernsehen kommt schon wieder Mörtel.

Jedenfalls ist Wohnen in den Dürergärten der Renner, bevor die Saison überhaupt angefangen hat. Noch fuhrwerkt hier Dürer und der Hase allein herum. Aber mit der Stille in Mahlsdorf wird bald Schluss sein.

Dann hält die Kunst des Wohnens Einzug! „L’art pour L’art? — C’est la vie!“

Ein Wahnsinn!

Tiger genießt die Stille, in den Dürergärten in Mahlsdorf, er schaut hinauf zum Mond, der stille, zwischen ziehenden Wolken auf ihn herab schaut. Ein Moment tiefsten Glückes. Großer Ruhe. „Große Seligkeit“ (Franziska von Reventlow). Tiger atmet tief ein und atmet tief aus, dann fährt er weiter, zurück in die große Stadt.

Im Zustand der tiefsten Volldunkelheit langt er wieder zuhause an.

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2 Antworten zu Die Dürergärten in Mahlsdorf: Wohnen wie gemalt

  1. Asphalt Tiger schreibt:

    Genau, liebe Frau Sand!
    Bei den einen heißt es „Gründerzeit“, bei den anderen „Große Depression“ .
    Auf den Seiten des Museums heißt es:

    „Nutznießer dieser Entwicklung war vor allem das Bürgertum, das einen nie gekannten Wohlstand erlangte. Das gesteigerte Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation fand seinen Ausdruck nicht zuletzt in den Wohnungen. Im Zeitalter des Historismus orientierte man sich bei deren Einrichtung mit zunehmend fabrikmäßig hergestellten Möbeln und kunst-gewerblichen Gegenständen an den großen Kunststilen vergangener Jahrhunderte.“

    Nun ja, fabrikmäßig hergestellt wird das heute auch (der Konzern heißt NCC). Aber stilistische Anleihen konnte ich nicht feststellen …
    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Asphalt Tiger

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