Es wird Frühling am Weißen See und Asphalt Tiger predigt den Vögeln

 

Das Eis taut weg! Asphalt Tiger weiß gar nicht, ob es noch da ist. So lang hat er gedöst. In der Sonne, auf der Parkbank.

Die Sonne brennt ihm heiß auf die Stirn. Er hat die Augen zu. Plötzlich ein Hauch, es geht ihm ein Licht auf, er fühlt sich plötzlich inspiriert und erhoben.

Na klar! Er rappelt sich auf und streunt die paar Schritte zum Wasser, benommen vor lauter Eingebung. Jetzt steht er da, vor den Weiten des Weißen Sees in Weißensee, atmet tief, wedelt mit den Armen und hebt an. Mit lauter Stimme.

Er predigt den Tieren! Er denkt, er ist Franz von Assi!

„Liebe Gemeinde!“

Sagt er.

Die Enten im Wasser schauen ihn verdutzt an. Manche schauen gleich wieder weg, manche aber gucken neugierig zum Tiger hin.

„Brüder und Schwestern!“

Tiger weiß, dass es etwas dauert, bis alle ihm zuhören.

„Als ich neulich“

Asphalt Tiger will erst mal von seinen Erlebnissen erzählen (von seinen Eingebungen schweigt er besser), um von da aus aufs Grundsätzliche zu sprechen zu kommen. Erst will er nur mal zum Nachdenken anregen und dann per Analogieschluss zum Eingemachten kommen.

Plötzlich werden einige Enten still. Wenn sie Ohren hätten, könnte der Tiger zusehen, wie sie zuhören.

„Liebe Gemeinde!

Als ich neulich, es ist gerade mal zwei Wochen her, im Dunkeln um den mit dickem Eis zugefrorenen Liepnitzsee nahe Wandlitz wanderte.“

„Was?“

Aber vielleicht hat die Ente auch nur „Quak“ gesagt.

„Stieg ein Mann aus dem Wasser.“

„Ja!?“

Eine Ente schwamm neugierig ans Ufer heran und schaute den Tiger fragend an.

„’Wohin des Wegs, junger Mann?‘, frug ich neugierig (und die Ente runzelte die Stirn). – ‚Mir ist kalt‘, sagte der junge Mann und strebte seinem Pkw zu.

Er kam direkt aus einem Wasserloch, welches die Bader-Eisloch-Gruppe aus dem nahen Bernau ins dicke Eis gehackt hatte, wie sie das jedes Jahr macht. – ‚Wie machen Sie das: Eisbaden – bei dieser Eiseskälte?‘, frug ich ihn –

‚Einfach nicht aufhören!‘, verriet er mir: ‚Wenns Wetter oll wird, im Herbst, einfach nicht aufhören. Immer rinn! Regelmäßig. Da gewöhnen Se sich langsam dran!’“

Asphalt Tiger nahm Verwunderung unter seinen Zuhörern wahr, die sich jetzt in größerer Zahl um ihn versammelt hatten. Er spürte ihr heftiges Verlangen nach geistiger Nahrung.

„Liebe Brüder und Schwestern! Was will ich euch damit sagen?“

„Sag!“

Vielleicht hatte die Ente aber auch Quark gesagt? Tiger war kurz irritiert.

„Wir denken an den Zweifel der Jünger: ‚Jesus? Über Wasser laufen? – Das kann kein Mensch!‘, sagten die Ungläubigen. ‚Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!’, entgegnete ihnen Jesus mit seiner butterweichen Stimme. Er wollte es ihnen beweisen! Wenn wer über Wasser laufen kann, dann ja wohl er!

Mitten im Winter fing er an: ‚Üben! Üben! Früh übt sich! Einfach nicht aufhören!‘ Seine Jünger sahen ihn übers dicke Eis des See Genezareth laufen. ‚Was ist denn schon dabei?‘ grummelten die Jünger, mit verschränkten Armen. ‚Kann ich auch!’“

Asphalt Tiger seufzte und breitet jetzt pathetisch die Arme aus:

„Doch Jesus wurde wagemutiger: Als es schon zu tauen anfing, lief er schon mit Schlittschuh übers Eis! Schneller und immer schneller!

Und um seine Angst zu überwinden, die umso größer wurde, je mehr das Eis unter der warmen Frühlingssonne Palästinas schmolz, setzte sich Jesus Gesichtsschutz und Knieschützer aus schwarzem Plastik auf und kurvte mit martialischem Geschrei und geschwungenem Hockeyschläger übers Eis, dass es krachte! Seine Jünger erschraken.“

?

Das ist natürlich an den Haaren herbeigezogen! Aber manchmal hält Tiger es für nötig, seine Predigt aufzupeppen, damit sie modern ist!

Die Enten halten die Luft an.

„Bald spürte Jesus schon das Wasser unter der spröden Eisfläche schwappen: ‚Wenns Wetter schöner wird, im Frühling, einfach nicht aufhören!‘, trieb er sich an: ‚Immer druff!’

Dünner und dünner wurde das Eis. ‚Da gewöhne ich mich so langsam dran!’ Anfang März, war es so weit: Er hatte es vollkommen drauf! ‚Schaut her!‘, rief Jesus seinen drögen Jüngern zu und wies mit geöffneten Handflächen auf seine Füße hin, die auf dem Wasser liefen: ‚Ich kann auf dem Wasser laufen!’“

Welch ein Triumph! Asphalt Tiger hatte die Enten überrascht und grinste blöd.

„Quatsch!“, rief da nicht nur eine Ente, sondern gleich drei.

Asphalt Tiger überhörte das einfach:

„Versammelte Gemeinde!

Was will ich euch damit sagen?“

„Was?“, riefen die Enten, und jetzt waren es nicht nur drei, sondern ganz viele, und ihr Rufen klang bedrohlich.

„Vertrauen!“

Tiger machte eine Kunstpause, damit die geistige Nahrung in den Enten sacken konnte. Die schrien immer herausfordernder: „Was? Was?“, und manche wandten sich bereits wieder von ihm ab, um sich über seine Predigt die Mäuler zu zerreißen, und zwar so, wie ihnen der Schnabel gewachsen war.

„Geduld und Vertrauen! Alles weitere ergibt sich von selbst.“

Asphalt Tiger spürte, dass das nicht gerade überzeugend klang. Seine Stimme konnte sich immer weniger gegen den Lärm seiner Gemeinde durchsetzen und er merkte, dass er bei den Tieren keinen Glauben fand. Im Gegenteil: Sie brachen in ein lautes, herzloses Lachen aus. Und schwammen einfach weg.

Zur nächsten Gestalt, die sich gestikulierend dem Ufer näherte.

Tiger zuckte mutlos die Schultern, als er Omma Heti kommen sah, mit ihren dicken O-Beinen und einer dicken Plastiktüte Semmelbrösel in jeder Hand.

Während sie Handvoll für Handvoll Brot zu den Enten ins Wasser schaufelte, schaute sie den Tiger tadelnd an: „Das sind doch Enten, junger Mann! Die müssen doch gar nicht auf dem Wasser laufen können!

Die können doch schwimmen!“

„Materialisten!“, versuchte er noch schwach zu entgegnen. Die Enten schmatzten zufrieden.

Und Asphalt Tiger war sich dann auch gar nicht mehr sicher, ob der See Genezareth im Winter überhaupt zufriert. Und ob Jesus vielleicht auch schwimmen konnte?

Eigentlich hat der Tiger ja gar keine Ahnung.

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