Asphalt Tiger rettet Whitney Houston

Im Traum.

Als Asphalt Tiger erfährt, dass Whitney Houston gestorben ist, seufzt er: „Memories!“

Das ist der einzig gute Song, den Tiger von Whitney Houston kennt. Und es war das erste Lied, das sie aufgenommen hat! 1982. Da war sie gerade 18. Jetzt ist sie tot.

Memories. Eine traurige Ballade. Whitney Houston ist grade 18 und singt schon von Erinnerung, Trauer, Abschied. Aber sie hat recht: Sie muss sich entscheiden. Was sie will.

I’ve got to choose between tomorrow and yesterday,
Can’t stop to think about my life here today

Sie rrringt mit sich und weiß nicht, was tun!

Das Saxophon von Archie Shepp quiekt zaghaft: „Nu!?“ Es versteht nicht ganz. Um was es hier alles geht. Ganz unbeholfen und erschüttert klingt es, wie kann es der jungen Sängerin helfen? Zaghaft und behutsam versucht es mit den folgenden Tönen die Vehemenz des Teenager-Schmerzes zu relativieren. So viel Elend! Dabei hat sie ihr ganzes Leben vor sich. Archie Shepp zupft verlegen an seinem weißen Spitzbart herum.

Vielleicht hat Whitney aber schon geahnt, was kommen wird. Manche Entscheidung ist falsch, und dann fährt der Zug in die falsche Richtung, und dann denkst du, „hättste doch …“

Memories can hang you up and haunt you,
All your life, you know,
Yet so you cannot stay,
And yet cannot go

Memories ist eine Lieblingsballade vom Tiger. Wieder und wieder kann er sie hören. Die erste Aufnahme, und gleich mit Archie Shepp! Der Freejazz-Legende. Und Bill Laswell, in den 1980ern und 1990ern bei tausend sog. „Avantgarde“-Projekten dabei! Ein Tausendsassa. Aus New York … Seine Band Material ging beim Tiger durch, danach kam viel Quark. Viel!

Aber Memories …

Asphalt Tiger beginnt zu träumen. Er träumt ein neues Leben für Whitney Houston. Er versucht sie zu retten. Was wäre, wenn …

I’ve got to choose between tomorrow and yesterday.

Archie Shepp macht Whitney Houston mit den Leuten von Rip, Rig and Panic bekannt. Gerade haben sie ein neues Album raus, auf dem auch sein alter Freejazz-Kumpel Don Cherry mitbläst, und Whitney ist von dieser kruden Mischung von No Wave, Free Jazz und Funk geflasht! „Echt crazy, diese Briten!“ Dann jammen sie zusammen, irgendwer drückt den Aufnahmeknopf, und die neue Super Sound Single wird ein Knaller!

Whitney bleibt erstmal in England hängen. Zusammen mit Neneh Cherry, der Tochter von Don Cherry, auch grade 18 geworden, macht Whitney Houston dann eine komische Weltmusik-Dub-Platte auf dem On-U Sound Label von Nenehs New Age Steppers Bandkollegen Adrian Sherwood. Im Hintergrund ist Ari Up von the Slits zu hören, sie kreischt auf indisch.

Auf On U Sound kommen weitere irre Scheiben Whitney Houstons raus, deren Töne immer sparsamer, rauher und gespenstischer werden. „Weniger ist oft mehr!“, verrät Whitney Houston dem Journalisten Simon Reynolds, in dessen New Wave Retrospektive „Rip it up and start again“ sie sehr gut weg kommt.

Als Bill Laswell, ihr alter Bekannter von Material, schließlich auch auf den Dub-Trip kommt, ist Whitney mit von der Partie. Lasswell schleppt Mick Harris, den Drummer von Napalm Death an, ihr neuestes Projekt heißt Scorn. Absolut düster. Alptraumhaft.

Harris fragt Whitney Houston schließlich, ob sie sich vorstellen könne, bei seiner Neuinterpretation der Napalm Death Debüt-LP Scum den Gesang beizusteuern, Whitney winkt jedoch ab. Gabba-Techno sei nicht ihre Tasse Tee. Harris zuliebe gibt sie allerdings ein kleines Gastspiel auf dem Song You Suffer.

Abb.: In Asphalt Tigers Kopf ist viel Platz. Kommen se rein, können se rausgucken! Viel Platz für gute Ideen. Für Visionen. So kann er Whitney Houston retten. „Danke, Tiger!“

1989 fällt der Eiserne Vorhang, und Whitney Houston macht mit Lasswells Kollegen Fred Frith und Tom Cora nach Prag rüber. Improvisieren. Die tschechische und polnische Underground Improv Szenen flashen, ergreifendes Filmdokument: Whit across the Border.

Kurzes Gastspiel in der New Yorker Knitting Factory, kurze Zusammenarbeit mit Ornette Coleman und Gunter Hampels Galaxy Dream Band, dann beendet Whitney Houston ihrer Gesangskarriere und erfindet sich neu: Kunst!

Ana da Silva, früher bei den Raincoats, hat sie auf den Trichter gebracht. Sie malt in der Provence in einem Landhaus, nur per Fax und UPS kommuniziert sie mit ihrer Galerie in Zürich und der Außenwelt. Sie gibt nur selten Interviews, in denen sie jedoch Weisheit, Würde und Gelassenheit ausstrahlt.

Tiger seufzt.

I’ve got to choose between tomorrow and yesterday,
Can’t stop to think about my life here today

Stattdessen? Manche Entscheidung kann man nicht rückgängig machen. Und denkt dann lebenslang dran.

Was macht Whitney? Wird Popstar. Jodelt rum im Kameralicht. Heiratet irgend so n Scheiß Macker, der sie schlägt und ihr Kinder ans Bein hängt. Dann Alkohol und Drogen. Dann bei Thomas Gottschalk im Fernsehen. Und jetzt ist se tot …
Was bleibt, sind Memories.

Tiger träumt.

* * *

Andere Ballade, groß wie Memories: „At last I’m free / I can hardly look in front of me“ von Chic. Ergreifend auch in der Version von Robert Wyatt. Mit dem hätte sich Whitney Houston sicher prima verstanden. Er hätte ihr Karl Marx vorgelesen, und sie wäre Kommunistin geworden. Tiger hätte sie dann zur Kulturministerin der UdSSEU gewählt. Aber es hat nicht sollen sein. R.I.P., liebe Whitney. Und danke für den guten Song.

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