„Fuuk Da Motha!“ Explosive Atmosphäre in Berlin

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„DAS KAPITÄN!“
Auf der anderen Seite stehen die bekannten „99%“
(Asphalt Tiger war schon immer für den Schutz von Minderheiten. Und fand es schon immer bedenklich, wenn einer für alle sprechen wollte. Asphalt Tiger steckt immer noch in der Krisis der Repräsentation, und er kann jedem nur dazu raten!)

Früher hieß das anders: „ARBEIT GEGEN KAPITAL.“

„Das Kapitän verlässt das sinkende Schiff!“

Tiger bewundert die jungen Leute in Berlin, die heute von überall her kommen. Wie viel unbedarfter, wie viel drastischer, direkter und unverschämter sie sind. Im guten wie im schlechten. Wie viel radikaler!
In dieser Vermischung der Sprachen allein liegt so viel poetisches Potential, so viel revolutionäre Sprengkraft! Alles durcheinander!

Überall im Berliner Stadtbild entdeckt Tiger Spuren dieser wunderbaren Verwirrung, die Worte und Sinn betrunken auseinander tanzen und sich neu zusammen finden lässt.

„DIE LEGENDE AURIA!“

Wow!

Auria? Tiger kennt nur die Legenda aurea, eine mittelalterliche Sammlung von abenteuerlichsten Geschichten! Auch die müssen neu geschrieben werden.

Auf einem Klo in der Staatsbibliothek liest er dann in riesigen Buchstaben mit dünnem Kuli gekratzt, so groß, dass es auf kein Foto passt:

„DES NAZIS STOPELN!“

Genau! So werden wir es schaffen! Denn mit so etwas rechnet niemand. Aber passt auf! Lasst euch nicht VERMEUBLEN!

Abb.: Es ist so kalt, dass die Atmosphäre jederzeit explodieren kann. Don’t smoke in the subway, baby! (Frank Sinatra)

Draußen ist es eisig kalt. Als Tiger aus dem U-Bahnschacht kommt und über den kahlen Platz läuft, kommt ihm eine Frau in dickem beigen Mantel, Schal und Mütze entgegen, sie schleckt ein riesiges Eis. Vanille und Haselnuss, vermutet der Tiger. Tiger bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Die Frau sieht das, lächelt, umklammert aber plötzlich das Eis fester. „Keine Angst“, denkt Tiger, „ich klau dir das Eis nicht.“

Sagen könnte er das nicht. Es ist so kalt, dass sich die Gedanken im Hirn verwirren und nur noch stottern.

Die U-Bahnhöfe und U-Bahnen sind voller Bettler. Auch die vermischen sich und sprechen in allen Sprachen. „Ein polyglottes Königreich der Bettler“, und Tiger denkt an Victor Hugos Unterwelt. (Alter Romantiker. Es ist eiskalt draußen!) Ein Franzose spielt einhändig mexikanische Trompete, drei Sinti machen Jazz und Witze gleichzeitig und trinken dabei auch noch Sunkist. Andere aber bleiben bedrückend stumm.

Die Tür der U-Bahn geht auf. Auf dem Bahnsteig Schreie. Ein Mann steht da mit Trompete und fuchtelt mit den Armen einem andern zu: „Bleib draußen“, will er wohl sagen. Tiger versteht kein Wort. Der andere, klein und pummelig, drückt sich dennoch in den Waggon und schimpft. Seine Hände sind verstümmelt, am Handgelenk verknorpelte, mit glatter Haut überzogene Stümpfe. Noch als die Türen geschlossen sind, schreit er weiter auf seinen Kollegen ein, in einer Sprache, die Tiger nicht versteht, und zeigt ihm durch die Scheibe den Stinkefinger. Er hat nur einen Finger, das ist der Stinkefinger. Er schreit:

„FUUK DA MOTHA!“

(FUCK DA MASSAR. FOOK TA MADRE)

Dann wendet er sich seinem Geschäft zu. Stumm und fordernd baut er sich vor den Fahrgästen auf und stippt mit seinem einzigen Finger den runden, fleischigen Knubbel an, der nun auf dem Rücken des anderen Handstummels für zwei Sekunden hin und her wackelt. Vor jedem Besucher hält er an, lässt den Knubbel wackeln und geht weiter.

Bei der nächsten Station schnell aus dem Wagen raus, schon schreit er wieder auf seinen Kollegen ein, der woher auch immer plötzlich auftaucht, und als die U-Bahn weiterfährt, verteilen sie sich auf die nächsten Wagen. Raserei, die Eiseskälte lässt einen durchdrehen.

Abb.: Die Hauskuh im Landwirtschaftsministerium, Berlin-Mitte, hat es gut: sie hat es warm.

Tiger steigt aus. An der Rolltreppe kommt er an einem jungen Mann vorbei, der eine Pappschachtel hält. Als er schon überlegt, ob er dem was an Kleingeld abdrückt, hält er ein: „Moment mal, der Mann isst Nudeln aus der Asia-Box!“ Beschämt fällt Tiger ein, dass das Brett Easton Ellis auch schon beschrieben hat.

Tiger ist froh, als er wieder drinnen ist. Seine Ohrenspitzen fangen an zu kribbeln und zu brennen. So heiß kann Kälte sein!

Vorsicht: Danger!

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