Frohes Neues Jahr! Kleiner Tipp: Freiräume nutzen!

Frohes Neues Jahr!

Asphalt Tiger denkt zum Jahresanfang mal nach und hört gut zu und besinnt sich und startet dann die erste große Action.

Der Mann spricht wahr!

„Knock Knock Knock!“

Warum auch nicht!

Tiger klopft an die Tür. Das neue Jahr. Dann findet er eine Klingel.

„Rrring!“

Er denkt: „Versuchen kann man das ja mal!“ Freiräume erkämpfen! Das ist irgendwie groß die Mode in Berlin Mitte. Das klingt aufregend. Ein Freiraum nach dem andern taucht da auf. Und schwupps, ist er wieder weg. Ein irres Spiel … Tiger hat da noch keine Erfahrung, will die aber machen. Und findet den Gedanken Freiraum super!

Freiräume über Berlin … Himmel!

Tiger träumt, als er die neue Fassade hoch guckt. „Moment mal!“

Die Frau hinter der Tür reißt die Tür mit einem Ruck auf. Sie guckt den Tiger konsterniert an, hat wohl keinen erwartet, ordnet mit einer nachlässigen Geste ihr zerrauftes Haar, erfasst den Ernst der Situation und nickt: „Komm Se rein.“ Trippelt auf den Büroschuhen im schwarzen Bürokostüm ins Innere des Freiraums.

„Scheiße.“ Tiger merkt, dass er hier grad in eine unangenehme Situation reingeplatzt ist. Irgend eine Kacke ist hier grad am Dampfen, irgend ein Unfall oder ein Unglück passiert, das hängt hier spürbar in der Luft. Dicke Luft.

Abb.: Kampfzone, Kaufzone, Knautschzone – Du bist Deutschland!

Einige Büroleute hasten im Freiraum mit Hemd und schwarzen Krawatten hin und her. Packen einen Computer und einen Drucker in Pappkartons, schieben einen Kopierautomaten auf Rollen durch den Flur, nachdem sie den Stecker aus der Steckdose gerissen haben. Eine Frau rennt mit einem Stapel Aktenordner um die Ecke, und als der oberste Ordner auf den Boden segelt, verliert sie das Gleichgewicht und kippt aus dem hochhackigen Büroschuh. Sie stößt einen gräßlichen Schrei aus und schluchzt dann laut. Tiger guckt verwirrt.

„Sie hat ne Krise — ich krieg die Krise — ?“ Nuschelt die Dame von vorhin entschuldigend, als sie dem Asphalt Tiger einen Platz in so einem fetten schwarzen Ledersessel anbietet. Der kann das alles nicht richtig verstehen. Ihr irrer Blick hilft auch nicht weiter.

„Kaffee? Plätzchen?“ Die Frau sagt das nur, um sich abzulenken. Sie tupft mit einem zusammen gelegten Taschentuch an ihrem Auge rum, darunter ist Schminke schwarz verschwommen. Tiger weiß nicht, was tun?

Peinliche Momente der Stille, unterbrochen vom Quietschen der Bürostühle, die von einer Ecke in die andere geschoben werden, und dem harten Kratzen der Aktenschränke über den glatten Boden. Ein Bürohengst kann nicht mehr und krümmt sich auf dem Linoleum und hält sich die Seite und kriegt Schaum vor den Mund.

Abb.: Die Zukunft ist ein rauschender Bach – klipp klapp.

Jetzt kommt der dicke Scheff rangehastet und lässt sich mit einem schweren Ächzen in den Sessel gegenüber vom Tiger plumpsen, wischt sich übers Gesicht und faselt rum, als er versucht, den Tiger mit seinem Blick zu fixieren. Irgendwas von einem scheiß Adventuretrip nach Südeuropa, wo das Servicepersonal nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte, als er da so ein Dings drehen wollte. Und von einem Ratingquiz, wo er verloren hat. Irgend so was.

Irgendwas ist bei ihm und bei den allen hier in die Hose gegangen. Asphalt Tiger scheint das Verhalten der Leute hier reichlich überdreht und selbstsüchtig, aber weil der Scheff so down wirkt, nickt Tiger verständnisvoll.

„Wir ham uns verspekuliert. Mit der Zukunft. Keine Chance mehr. Jetzt heißt es, schnellstmöglich den Abflug organisieren und den eigenen Arsch retten.“

Tiger hätte nie gedacht, dass sich so Wirtschaftstypen so klar und deutlich und unverschwurbelt ausdrücken können. Der Tiger versteht ihn ohne Schwierigkeiten. Er freut sich auf einmal!

Abb.: Zur rechten Zeit am rechten Ort – alle sitzen an der Haltestelle Zukunft

„Deswegen, Herr … Tiger …“, blickt ihn jetzt der Scheff unsicher und fragend an. Tiger blickt fragend zurück. „… würden wir uns freuen, wenn Sie …“ Tiger nickt ermutigend. Dann strahlt der Scheff auf einmal geschäftstüchtig und streckt dem Tiger seine Pranke entgegen und brüllt sotto voce:

„Schlagen Se ein! Sie kommen grad im richtigen Moment! Sie sind unser Mann! Sie kommen – wir gehen! Was solln wer noch mit dem Freiraum! Schlagen Se ein – und der ist ihrer!

Für nur eine Mark!“

Tiger hat grad noch eine Mark im Geldbeutel. Die gibt er dem Scheff. Der grinst kurz und steckt die ein, so schnell, dass der Tiger denkt: „Hab ich was falsch gemacht?“ Dann dreht der Scheff sich grußlos um und drückt den Knopf zum Aufzug und brüllt und winkt: „Leute! Abflug! Flieger grüß mir die Sonne!“

Die Leute rennen dann alle dahin und sind nervös, aber auch erleichtert. Als der Aufzug kommt, schieben se den ganzen Büromüll rein und quetschen sich alle rein in die enge Kabine. Mit einem Rums knallt die Aufzugtür zu, und weg ist die ganze Bande.

Abb.: Freiräume Berlin Mitte, Leipziger Straße Ecke Wilhelmstraße. Früher war mal neben dem Freiraum der Technokeller „Tresor“. Um die Ecke der „Brasilianer“, da gabs nur Rum und Holzkisten. Da konnte man durch die Decke den Himmel sehn. Dann ist das eingestürzt. Um die Ecke, in der Taubenstraße, waren, hinter sperrholzvernagelten Schaufenstern, der „Friseur“ und der „Blumenladen“. Tiger kann sich kaum mehr erinnern … Und heute: Gibts wieder Freiräume en masse! Geile Scheiße! Nach der Krise steht alles wieder leer!

„Freiräume!“ Der Tiger breitet seine Arme aus und tanzt erst mal Pirouetten durch die ganzen Freiräume hier, weit über den Dächern von Berlin Mitte. Tolle Sicht, überall riesen Fenster, durch die das helle Licht reinströmt und die bis eben noch so scheiße grau und tristen Räume verzaubert.

„Was kann man mit so Freiräumen alles anfangen! Wenn die ganzen Wirtschafts-Loser erst mal abgehauen sind!“

Tiger fallen so viele Leute ein, die mit so Freiräumen was anfangen können, die schon lange nicht mehr gewagt haben, von so Freiräumen in Berlins Mitte zu träumen: Leute ohne Papiere, Hartzer, Leute, die immer frieren, Leute, für die ein Stück Rock und zehn Ellen Leinwand was mit Schönheit und künstlerischer Freiheit zu tun haben und nix mit Kaufhaus, Leute, die gern feiern, Leute, die gern auf Achse sind, Leute, die alles mögliche machen, Leute, die tüfteln und Platz für Werkzeug und Tische brauchen, Leute, die laut und lange miteinander reden, Leute, die den ganzen Tag lustig sind, Leute mit Bock auf Rock, Leute wie du und ich.

„Leuteleute! Freiräume! Geile Scheiße!“

Und am besten findet der Tiger, dass ihm die Freiräume heute alle so zugefallen sind, ohne dass er was dafür tun musste …

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