Asphalt Tiger erlebt: Die Auferstehung der Fliegen

Es ist für die Jahreszeit zu warm! Mitten im Dezember zehn Grad plus. Dabei weht ein Wind. Asphalt Tiger fängt sich eine Erkältung ein.

Die Fliegen denken, es ist Frühling! Die Fliegen schwirren schon wieder beim Asphalt Tiger in der Küche rum. Dabei ist es Dezember! Die Auferstehung der Fliegen …

Auferstanden und Rosinen

und dem Frischobst zugewandt,

singt der Tiger und freut sich: Die Gegenwart ist eine Zeit der Erwartung.

Eine Fliege ertrinkt in des Tigers Kaffeetasse. Das letzte Gericht. Tiger beschließt, den würzigen Beigeschmack zu ignorieren.

Asphalt Tiger macht einen Ausflug. Zum Imbiss. Als er darin sitzt, in die fettigen Nebel der Küche gehüllt, und seine Backen und  Zähne mit Kauen beschäftigt sind, fällt sein Blick auf etwas über ihm. Da hängt, in Öl konserviert, eine tote Stechmücke an der Wand, zerdrückt, kaputt. Daneben sitzt eine andere Stechmücke auf langen Beinen, vielleicht noch lebendig, oder stante pede vertrocknet. Sie bewegt sich nicht. Memento mori.

Carpe diem! Tiger springt in die S-Bahn und fährt ins schöne Bernau. Bernau ist eine Stadt aus dem Mittelalter mit einer Stadtmauer rundrum. Es ist Sonntag, die Sonne scheint. Neben der Bernauer Kirche sind die Leute aus dem Mittelalter. Sie verkaufen altes Gelumps. Alten Kuchen und alte Wäsche. Sie haben die Tür zur mittelalterlichen Kirche aufgesprengt.

Tiger erfährt den Raum und denkt darüber nach

Asphalt Tiger tritt ein. Er war da noch nie drin und wollte immer schon rein. Immer waren ihre schweren, dunklen Holztüren verschlossen. Geheimnisvoll: die alte Kirche von Bernau. Romanische Reste, dann gotisch drauf gebaut, und den Rest dann im langen 19. Jahrhundert fertig gemacht. Liest er neberm Eingang.

Drinnen wird geprobt. Drei junge Frauen sitzen hinter dem Altar auf Holzstühlen und blasen in ihre Oboen. Heute Nachmittag ist Konzert. Sie können noch nicht alles, setzen immer wieder an, dreistimmig, dann wieder zweistimmig, dann eine allein. Dann Stille, dann nächster Versuch. Die Töne schweben los.

Asphalt Tiger setzt sich hin und genießt den Raum und die Töne da drin. „Das ist Gegenwart!“ Er schaut überall rum und denkt: Schön! In der alten Kirche hat man Zeit und Muße, den Raum, einfach Raum betrachten und auf sich wirken zu lassen. Oben hängen Jesus and his pals, frei schweift der Blick vom Tiger. Ein weiter Raum eröffnet sich, ein Raum der Besonnenheit, zwischen Tiger und den ganzen Sachen.

Die Töne breiten sich aus und schweben weit über ihm und werden von den hellen Wänden sanft zurückgeworfen und kreuzen sich und kitzeln Tiger im Ohr, dass er sich erst mal kratzen muss. Asphalt Tiger versucht, den Tönen zu folgen. Mit seiner Nase!

Der Tiger steht wieder auf und guckt sich alles an. „Das ist ein Raum!“, denkt er. „Ganz bestimmter Raum. Gebaut!“ Er haut mit der Pranke auf das hölzerne Gestühl. „Raum, der Raum gibt für alles mögliche Tun.“ So wie er jetzt ist, halb Museum.

„Und unmögliches Tun!“ Nachdem Tiger, in der Bank sitzend, getan hat, als ob er nichts tut, stellt er sich jetzt auf das Metallgitter über einem Luftschacht. Wir kennen das Bild aus der Popkultur. Die warme Luft spielt mit dem hellbraunen Fell an seinen Füßen und wärmt sie. Nicht aber lüpft sie seinen grauen Parka in die Höhe. Vielleicht ist das besser so. Ein Glück, dass das keiner gesehn hat, Tiger kommt sich albern vor.

Tiger schaut zu: Gemeinsam Musizieren

Die Mädchen blasen weiter Töne in die Luft, die dann durch den Raum schweben. Warme, weiche Töne aus Holz. Immer wieder blinzelt Tiger neugierig rüber, um zu betrachten, wie sie üben.

Sie üben so:

Sie spielen. Eine spielt was falsch. Sie spielt dann alleine vor. Die andern helfen: Die eine singt die Töne und blickt die erste an. Die erste betrachtet sie konzentriert und hört gleichzeitig in sich rein und versteht. Spielt und bricht ab. Die andere liest die Töne deutlich vom Blatt vor: cis, dis, e, a. Vielleicht hat sie sie auch im Kopf in eine andere Tonart gesetzt.

Die erste denkt nach, notiert dann was mit dem Stift auf dem Notenblatt und kräuselt dabei konzentriert die Stirn. Stilles Probehandeln. Dann spielt sie noch mal. Jetzt ist es richtig! Sie nickt. Die anderen fallen ein. Die Töne verbreiten sich im Raum, triumphal.

Tiger bewundert die drei: Wie komplex das ist, dieses Gespinst ihrer Interaktionen – wie sie Musik wissen, nachvollziehen, weitergeben. Wie sie etwas aus der Tiefe der Vergangenheit in der Gegenwart (in der auch der Tiger grad ist) wieder auferstehen lassen, durch ihren Atem, die Flinkheit ihrer Finger, ihre Vorstellungskraft und ihren gemeinsamen Eifer. (Noch hat Tiger keinen blassen Schimmer, wie das ganze Stück klingen wird.)

Jetzt geht er hinten um den Hochaltar rum. Da hängen die alten Bilder der verblichenen Pfarrer und Diakone. Sechzehn dreißig. Sechzehn fünfunddreißig. Steht auf den Bildern. Die Priester blicken ehrwürdig und legen die Hand auf das Buch. Dahinter ist alles schwarz. Finstere Zeit: der Dreißigjährige Krieg.

Die Fliegen kommen zurück in die Geschichte

Doch woher kommt dieses Summen? Die ganze Zeit ist es schon da!

Tiger entdeckt auf dem Boden eine dicke schwarze Schmeißfliege. Sie liegt auf dem Rücken und zappelt mit den Beinen und kann sich nicht mehr aufrappeln. Scheiße! Tiger hat Mitleid. Er kann nicht lange zusehen und holt ein Stück Papier aus der Tasche. Er schiebt es unter die Fliege und dreht sie damit um. Doch Scheiße! Kurz danach liegt sie wieder auf dem Rücken.

Nach geraumer Zeit merkt Tiger, dass er ihr wohl nicht helfen kann. Dass keiner hier ihr helfen kann. Und keiner hilft ihr! Außer der Tiger, natürlich. Einmal schafft sie es kurz, sich von allein umzudrehen, dann liegt sie schon wieder mit dem Bauch zum gotischen Deckengewölbe und summt weiter.

„Wahrscheinlich weiß sie, dass sie sterben muss. Sie summt ihrem Tod entgegen. Fliegen im Dezember …“

 

Das Ende der Geschichte

Um nicht zu melancholisch zu werden, hört Tiger auf die Fragmente der schönen Oboen-Musik und schaut auf die Bilder. Er lenkt sich ab. Auf manchen ist Krieg im Hintergrund oder ein Totenkopf und Skelette im Vordergrund. Jetzt machen die ganzen makabren Sprüche Sinn! Jetzt weiß Tiger, dass diese Religion zum Krieg passt. Zur Vernichtung. 1630! 1648!

Jetzt weiß Tiger, warum die Religion jetzt, gerade jetzt, wieder so erfolgreich ist. Heute! — — „Ist wie in der Politik! Von wegen humanitärer Einsatz …“ Dass die in dieser Religion auch gleich immer privates Weh mit weltweiter kollektiver Gewalt verknüpfen müssen (wie die „innere Führung“ mit dem Militärbischof): Krieg! Apokalypse! Gericht! Vernichtung! Tod und Verdammnis! Und böse ist immer der Andere. Und immer im großen Stil. Mannmannmann.

Doch KEINER denkt, unter Verzicht auf willkürliche Vergrößerung des Maßstabes, an das Nächstliegendste …die Nächstliegenden … die armen Fliegen.

Nur wenige Schritte weiter liegt die nächste auf dem Rücken und summt und stirbt.

Tiger wirft einen Blick von der Altarrückseite her auf den, der oben am Kreuz hängt: „Ob die Fliegen aus der Grabkammer mit ihm gemeinsam auferstanden sind? Oder hat er sie beim Aufstehn einfach abgeschüttelt und zurück gelassen?“ Wie die Laken …

Die Oboen-Töne hallen durch den lichten Raum. Die Musik der jungen Frauen ist dem Asphalt Tiger ein Trost. „So ist das halt. Fliegen im Dezember.“

Und als die Türe von der alten Kirche hinter dem Tiger mit lautem Knall ins Schloss fällt, denkt er an die Weisheit der Sprüche. Vom alten Hank Williams: „You’ll never get out of this world alive.“ Aber ein Glück gibt es auch diesen Jubel, der in der Musik auch nach Jahrhunderten noch klingt, auch als der Tiger schon draußen ist – und der heute, in der Gegenwart auf ein Anderswo hier irgendwo hindeutet.

Jetzt geht der Tiger aber erstmal raus in die Natur. Die fängt gleich hinter der Stadtmauer an. Und bald wird es schon wieder duster. Ist halt Dezember …

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