Ins Finstere zum Licht

 

„Hätt ich bloß auf Käptn Northrpp gehört!“ Er hat sich irgendwo in der Botanik verlaufen, und jetzt wird es dunkel. Tiger flucht, als er versucht, die alte Landkarte auseinanderzufalten. Die ist voll Fliegenschiss vom letzten Sommer verklebt und zerreißt an einer Ecke. Sowieso ist es fast zu dunkel, um drauf was zu erkennen. Asphalt Tiger weiß nur so viel: Er ist in der Nähe von Deetz. An der Havel. Vor ihm dichtes Gestrüpp.

Tiger hat kein Taschenmesser mit. Er trinkt jetzt erst mal ne Tasse Kaffee aus der Thermoskanne und isst das leckere Teilchen, das er der Bäckersfrau abgekauft hat, bevor er den Eilzug nach Groß-Kreutz bestiegen hat. Das ist lange her, Tiger kann sich kaum mehr dran erinnern. Plötzlich beginnt es vor seinen Augen zu leuchten und zu schimmern.

„Was soll’s!“ Tiger beschließt, dem irren Licht zu folgen. „Northrpp hätte das sicher mit einer Ehrennadel belohnt!“ Zu dumm, dass er den Kontakt zur Basis verloren hat. Sein Funkgerät gibt einige Pfeifgeräusch von sich, dann kratzt es ab. „Verfluchte Provinz!“

Tiger folgt dem Licht, das zahlreicher zu werden scheint. Es ist verlockend, dem Licht zu folgen. Ein irrer Glanz steigt jetzt auch in den Augen vom Tiger auf. „Weiter!“

Gute Laune! Tiger hat auf einmal richtig gute Laune! Das Licht verströmt sich in einem unermeßlichen Reichtum, und Tiger ist geflasht und förmlich geblendet. Er fühlt sich in einen riesigen Strudel von Licht hineingerissen:

Weil Mystik nicht per se faschistisch ist, sofern sie einen bald auch wieder ausspuckt und man dann damit klarkommen muss, dass man das hinter sich hat und mit kühlem Kopf und Mitteln der Analyse checkt, dass Regression auf Dauer auch keine Lösung ist, aber schön, aber sonst hier irgendwie auch schön, jedenfalls hat der Tiger das mal irgendwo gelesen, kuckt sich Asphalt Tiger jetzt erstmal um.

„Ich weiß den Weeeg!“ Asphalt Tiger hat den Text dieses alten Pionier-Lieds vergessen, kein Wunder, er kommt ja aus dem Reich der Wildnis, da gibt es eigentlich keinen Fortschritt. Aber er pirscht trotzdem einen halben Kilometer auf glitschigem Pfad an einem Graben lang und wird dafür belohnt: Sein Blick weitet sich auf: weites Wasser! Tiger jubelt: „Die Havel!“

Abendstimmung an der Havel! Alles ist still. Die Wildgänse haben mit ihrem albernen Gelächter aufgehört. Drei Störche sind mit leisem Flügelschlag vorbeigeglitten. Tiger hat auch einen einsamen Graureiher gesehen, doch das ist Stunden her. Drei düstere Männer in einem schwarzem Kahn nutzen die Ruhe schamlos aus: Fische erschrecken!

Etwas knackt im Schilf! Tiger schrickt aus seiner Betrachtung auf. „Jetzt nix wie nach Hause! Die Nöck, die Nix, die Wassergeister!“ Vorhin im Dorf Deetz hat er an der Wandzeitung so einige Horrorgeschichten gelesen! Ihm stehen die Haare noch zu Berge, als er schon längst wieder die breite Schilfzone hinter sich gelassen hat und auf freier Flur tapfer voran marschiert. Ein riesiger Himmel wölbt sich über ihm: blau. Ringsum sind Wiesen.

Erschrocken nimmt der Tiger wahr, dass sich einige Schemen aus dem nun dichter werdenden Nebel lösen, rasch Gestalt annehmen, immer größer und massiger werden – nun hört er auch das Getrappel der Schritte, der Hufe, es wird immer lauter – und sie kommen mit rasender Geschwindigkeit auf ihn zu.

Ein Glück haben die Leute da einen Elektro-Zaun aufgestellt. Keiner auf beiden Seiten weiß, ob da Saft drauf ist, aber beide tun so als ob. Tiger nimmt sich vor, sich nicht beirren zu lassen von diesen Phantomen der Dämmerung und schreitet ruhig aus. Die Phantome der Dämmerung akzeptieren die Beschränkung ihres Machtbereichs auf das Feld der Phantasie und halten noch weit vor dem Zaun an.

Erst als der Tiger wieder sicheren Boden unter seinen Füßen verspürt, als er nach einem anstrengenden Walk über sandige Pisten auf schwarz geteertem Asphalt – seinem angestammten Element! – anlandet, gönnt er sich eine Verschnaufpause: „Wie schön es hier ist!“ – Wie in den Siebziger Jahren.

In der Ferne hört er einen Zug tuten! „Die Großstadt ruft!“ Asphalt Tiger freut sich auf das Licht und die Wärme, vielleicht sogar auf die Menschen in der Stadt. Er weiß: Eine Landstraße führt wo hin! In die nächste Stadt, in das nächste Dorf. Zum Bahnhof. Asphalt Tiger atmet tief durch und macht sich auf die Socken.

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