Kinder von Alleine irrt sich gewaltig!

* * *

* * *

„Sammeln Sie Treueherzen?“ Die Verkäuferin lächelt ihn treuherzig an. „Ja. Aber nur um sie zu brechen!“, hätte Kinder von Alleine eigentlich müde witzeln wollen. Aber stattdessen kam nur ein schwaches Aufstoßen aus seinem Mund, und ein scharfer Geruch nach eingelegter Pfefferminze verbreitete sich.

„Desinfiziert!“, versuchte von Alleine zu triumphieren, und wirklich, das Gesicht der Verkäuferin war jetzt blitzeblank, von jeder Spur eines Lächelns gereinigt. Empört zog sie den Papierstreifen mit den Herzen zurück: „Auf Wiedersehen!“

Heute gelang ihm nichts. Heute fehlte ihm der Überblick, heute stand er nicht drüber. Keinesfalls wie der Adler auf der Gürtelschnalle.

Abb.: „I need a situation“ Immer, wenn  Kinder von Alleine aus dem Supermarkt geht, schaut er auf die Pinnwand. Nach Jobs. „Arbeitgeber: Scheiß Sexisten! Diskriminierung! Wieder vom Bewerberverfahren ausgeschlossen!“

„Ächz!“ Draußen auf dem Vorplatz ließ sich von Alleine erst mal auf die nächste Parkbank fallen und wischte sich die Stirn mit dem schmutzigen Handrücken. Die Einkäufe stapelten sich neben ihm, zwei Paletten Dosenravioli und eine Großpackung Taschentücher. „Reicht für die nächsten Tage!“

Wie wurde er seinen Brand los? Am Tag danach verklebt Pfeffi wie bittere Medizin den Mund. Gestern war er wieder bei Zeitna Bombe im Klubhaus gewesen, und natürlich war es nicht bei einer Flasche geblieben!

Mit zittrigen Fingern versuchte er den widerstrebenden Drehverschluss des Milchgetränks aufzukriegen, das er seit gestern in der Tasche seiner Lederweste rumtrug. „Scheiße!“ Die Flasche explodierte, und die saure Milch ergoss sich über seine Hose. „Wie krieg ich das jetzt sauber!?“ Fragend schaute er sich um.

SIE WAR WEG…

Abb.: Red Bull hat den Trend erkannt: Arbeit und Feiern sind heute nicht mehr zu trennen! Clevere  Werbung! Wachbleiben!

„Egal!“ Hastig verstaute er seinen Einkauf unter den Büschen und versuchte lässig in Richtung Bahnhof zu schlendern: „Ich brauch Tapetenwechsel!“ Nur weg! Kinder von Alleine hatte die große Stadt kaum mehr in Erinnerung, so sehr war er in seinem Viertel versumpft. Alle seine Freunde wohnten hier, King Berndienst von Steinwurf, Fürst Fertig von Essen, Ware von Rabat, und wie sie alle hießen. Und SIE. Ist jetzt bei einer Freundin untergekommen, um die Ecke. Und Sohnemann hat sie mitgenommen. Diese Stille zu Hause! Schon wieder!Kaum auszuhalten.

„Dup die dup … dup. Heartbreaker! Love Maker!“ Sein altes Lieblingslied fiel Kinder nicht mehr ein. Wo war seine Lieblingscassette: Loverboy? Und der Walkman? Auch die hatte SIE eingepackt, in den großen Pappkarton mit den lila Teddys.

Was soll’s! Kinder musste ganz von vorn anfangen! Yip! Und schon auf dem Bahnsteig kam ihm die Erleuchtung:

Abb.: Hätte Kinder von Alleine nicht so n Brand gehabt, hätte er das gar nicht gesehen! 

„UNICE… F! UNICEF! Ja, genau!“ Kinder von Alleine traute seinen Augen kaum. Das! Hier! Das war seine Chance: „Kinder Hilfswerk! Na also, Kinder von Alleine: Ihnen wird geholfen! Kinder Hilfswerk!“ Seine verknitterten Augen fingen an zu strahlen. Da musste er hin! Denn wo Kinder waren, waren auch Muttis. Ein Licht ging ihm auf! Kinder summte das tolle Lied von Westernhagen: „Ich sing den Blues, und sie macht die Wäsche.“ Geiles Lied!

Klingeling!

„Ich will hier Praktikum machen!“ Kinder von Alleine hatte an der Klingel vom Kinder Hilfswerk geklingelt und stellte sich jetzt im Büro vom Unicef-Gelände vor. „Ich habe Erfahrung in Türstehen! Langjährig, Ehrenwort.“

Abb.: „Desperately waiting…“ Kinder von Alleine als Türsteher. Viele versuchten verzweifelt, an ihm vorbei zu kommen.

Kinder von Alleine stellte sich das hier ganz einfach vor: Kein Stress! Er sitzt da von morgens bis abends in dem Kabuff am Unicef-Eingangstor und guckt lässig durch die Vorhänge. „Wer kommt so?“ Und winkt die Muttis fröhlich durch, „Komm Se rein!“, und hält die Bälger auf Abstand, strenger Blick, die Fäuste in die Seite gestemmt, und der Stern an seiner Kutte klapperte. Man muss die Damen imponieren! Ein Scherz nach dem anderen auf den gespitzten Lippen. Und wer ihm nicht passt, fliegt im hohen Bogen raus! So läuft das!

Und wenn er eine Mutti besonders nett findet, dann ist er Scharmör, läd zu Kaffee aus der Thermoskanne und Kuchen aus dem Supermarkt in seine Portier-Stube ein. … Oder doch n Bier ausm Kühlschrank? – Kinder bekam schon wieder Durst.

Abb.: „Bleib wach, Kinder! Halt durch!“ Red Bull hat es leider noch nicht geschafft, auch alle weiteren gesellschaftlichen Trennungen aufzuheben: wie die von Peripherie und Zentrum, körperlicher und geister … geister Arbeit. Kchh.

Der Leiter der Tagesstätte räusperte sich zurückhaltend. „Nun ja. So einfach wie Sie sich das vorstellen, ist das nun nicht. Wir werden vom Bezirk mit qualifizierten Fachpersonal für Ehrenamt immer kostenlos versorgt. Sind bestens damit eingedeckt, gibt ja genug.

Aber auf dem Spielplatz ist noch ein Platz frei!“ Ein ermutigendes Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht. „Hängen Sie Ihre Lederweste an den Haken und kommen Sie mit“, winkte der Leiter.

Und schwupps hatte Kinder von Alleine eine Schippe in der Hand und stand im Sandkasten. Ein riesiger Berg Sand! Kinder, Kinder: So einen riesigen Berg Sand hatte er noch nie gesehen!

„Nun fangen Sie schon an!“ Der Sand musste in die Trommel geschippt werden, wo das Wasser drin war. Der Leiter der Tagesstätte ließ ihn jetzt alleine. Kinder von Alleine fing an und kam sehr schnell mächtig ins Schwitzen. „Das Ganze macht richtig Spaß!“

Bis er sich fragte, wo eigentlich die ganzen Kinder waren! Auf den Stiel seiner Schippe gestützt, blickte er sich um.

* * * !

Da saßen sie! Neben dem Bürogebäude saßen sie, um einen Holztisch herum, auf klapprigen Stühlen, und auf der Rückenlehne einer alten Bank. Da saßen sie – und starrten zu ihm rüber und feixten. Kein Respekt! Und sie rauchten!

„Na Kinder!? Was seh ich denn da: IHR RAUCHT!? Das ist doch nur was für Erwachsene!“

Und als sie ihn dann böse anstarrten, fiel ihm auf, dass sie eigentlich für ihr Alter schon ziemlich groß waren!

„Sagt mal: Was habt ihr eigentlich überhaupt noch bei der UNICEF zu suchen?“

„UNICEF??? – – — UNICEMENT!“ Erscholl es unisono aus ihren rauhen Kehlen.

Da wusste Kinder von Alleine, dass er etwas falsch gemacht hatte.

Dieser Beitrag wurde unter Kreuz und quer durch den Gemüsegarten, Populärer Taste abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s