Das Benzin ist alle (aber das Gras wächst weiter)

Asphalt Tiger macht los. Es ist sein Autofreier Sonntag. Wie immer! Asphalt Tiger bindet sich die Schuhe zu und schüttet den ganzen Rucksack voll Pommes. Er fährt nach Brandenburg. Leider ist die Erdölsauce aus. „Das wird eine trockene Angelegenheit.“

„Hier ist es schön!“ Hier gefällt es dem Tiger. Kurz vor Freienbrink, in Brandenburg. Da war mal die Stasi, vielleicht ist sie ja noch da. Ist ja Brandenburg! Hier dauert alles etwas länger, und die Zeit fängt später an.

Tiger liebt diese stillen, verschwiegenen Eckchen. Ecken mitten in der Landschaft. Alles ist still. Wie gesagt: „Autofreier Sonntag!“ Tiger geht in der Mitte der Straße und ist glücklich. Alles ist genauso, wie es ist.

„He Sie! Haben Sie was Benzin!?“ Schreit der einsame Autofahrer. Zwischen seinen Zähnen hängt etwas vom letzten Essen. „Nee!“ Der Tiger bewegt sich auf das Auto zu. Es bewegt sich nur ganz langsam. Schritttempo wäre übertrieben. Es bewegt sich vielleicht wie die Erde, ultralangsam. Es dreht sich minimal. „Hier, haste!“ Der Tiger greift einmal in seinen Rucksack und reicht dem einsamen Autofahrer eine Handvoll Pommes.

Dann klettert er wieder die Brücke hoch. Das Auto dreht sich langsam weiter.

Auf der anderen Seite kann der Tiger das Gras wachsen hören. Natürlich nur, wenn er sich flach hinlegt. Er legt sich hin. Der Beton ist warm von der letzten Sommersonne. Am Rande hört der Asphalt Tiger das Gras wispern. Natürlich: Wenn da ein Auto vorbei rast, dann ist das was anderes: „Njjjjummmm…“ Dann zittert das Gras!

Asphalt Tiger erhebt sich und klopft sich den Staub von der Hose. Ihm ist nichts passiert.

Dann ist er da. In Freienbrink.

Was für ein Widerspruch: Stasi-Lagerhallen „Freienbrink“. „Mal sehen, was die Westpost heute so BRINKT! Ich bin so FREI, mach ich mal auf“, sagt der Söldner in Grau.  Tiger empört sich: „Die Westpost haben diese Stasis da einfach so abgefangen. Hat Tiger in einem alten Spiegel-Artikel gelesen. Fernseher, Spülmaschinen, Friteusen – alles, was die Wessis so ihren Ost-Verwandten geschickt haben. 50 Bände Karl May, Häkelkissen und Wackeldackel. Das haben sich die Stasi-Promis alle untern Nagel gerissen und unter sich verteilt. „Aber FREI? Von wegen! Sklaven des Waren-Fetisch!“

Als der Kohl sich dann über die Landschaft verbreitete, war schlagartig Schluss damit. Keine Ahnung, was der gutmütige Pfälzer Riese mit den ganzen Waschmaschinen und Stehlampen und Bügeleisen gemacht hat! Jedenfalls sind sie NICHT MEHR DA.

Aber bald kamen die Lastwagen! Von überall her. Über die neue Autobahn, Berliner Ring. Nachts haben ihre Kühlaggregate leise gedröhnt, und ihr Scheinwerfer hat die leere Fläche blitzartig durcheilt. Auf dem neuen „Güterverkehrszentrum Freienbrink“. Es war ja so viel Platz hier, mitten im Wald. (Ist, ist!) Die haben dann ab jetzt die Waren-Fetische hier alle gesammelt und dann ganz Berlin damit eingedeckt. Schöne Schweinerei! Und gefährlich sowieso! Gerade nachts: „Brrr!“, schüttelt sich der Tiger.

Aber seit es kein Benzin mehr gibt und jeder Tag Autofreier Sonntag ist, ist es immer schön ruhig hier.

„Ma sehn was die Verbrecher hier noch alles bunkern!“ Tiger rüttelt an der einen oder anderen Tür, doch: alles verschlossen. Und kein Wachschutz sagt: „Bleiben Sie stehen oder ich schieße.“ Tiger denkt: Hier ist nichts mehr! NICHTS! Wie BEFREIEND! Und die Natur erobert sich ihr Terrain zurück:

Irgend ein Vogel singt, den der Tiger noch nicht kennt (Ein Storch?). Die Grillen zirpen. Es ist wie immer jetzt: Autofreier Sonntag!

Hier ist alles dicht. Heute bleibt die Küche kalt. „Yeah! Autofreier Sonntag!“

Asphalt Tiger findet es nicht schlimm! Seit das Benzin alle ist, ist alles sehr viel entspannter! Die Leute bleiben zu Hause und machen dick auf Familie. Und wenn sie mal chic ausgehen, dann sind sie sehr viel bescheidener. Zum Beispiel: Mc Donalds! Sie haben dazu gelernt: Vorsicht! Nie in der dicksten Schlange anstellen! Das dauert länger als in der längsten Schlange Anstehen. Das heißt Entschleunigung! Die fetten Jahre sind vorbei.

Asphalt Tiger legt den Kopf auf den kühlen Beton der Tankstelle und presst sein Ohr dicht dran.

Ja! Jetzt kann er es hören! Das Gras wächst schon langsam durch den Beton! Und bald ist es überall. Gras: eine bärenstarke Sache! Eine dufte Angelegenheit.

„Aber wie komme ich zurück? In die Hauptstadt?“ Tiger stutzt. Er erschrickt: Sein Rucksack ist leer. Er muss alle Pommes aufgefressen haben. Ja, seine Tatzen sind fettig. Dann ist er erleichtert. Denn er sieht: „Super: Die Eisenbahn!“ Und frohlockt: „Autofreier Sonntag!“

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