Wie ein Dieb in der Nacht …

 

Sofort hatte ich das Gefühl, dass ich zu spät dran war. Viel zu spät: Eine ganze Woche zu spät! Aber jetzt war es zu spät.

Ich hatte die Tür hinter mir zugeworfen, und der Fahrer der schwarzen Dienstlimousine mit Berliner Kennzeichen war ohne Hupen weggefahren. Das leise Knirschen der Kiesel unter den breiten Reifen war längst verstummt. Der Parkplatz war leer.

Nun, ich hatte eine Mission zu erfüllen. Vorsichtig blickte ich mich um. Düster und bedrohlich bauten sich die Häuserfronten rundherum auf. „Wilhelmstraße.“ Das sagte mir etwas: Führerbunker, Reichskanzlei, alles in unmittelbarer Nähe. Der Hauch des Bösen wehte mich an.

Das war also Berlin! Eine steinerne Festung, kalt und unfreundlich. Ich schlug den Kragen meines billigen Trenchcoats hoch. Der Beagle an meiner Leine schaute mich mit treuen Blicken an, die flehten: „Bring mich zurück ins Warme!“

Die kurze Schulung, die mir erteilt wurde, nur wenige Stunden vor meinem Abflug von der Insel, hatte mich belehrt: Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland, eine der mächtigsten Städte Europas, wenn nicht der Welt. Eine Metropole!

Helmut Kohl und der Papst hatten vor etwa zwanzig Jahren die Mauer, die durch diese Stadt lief, mit vereinter Kraft eingerissen und das Volk befreit. Zehn Jahre später hat Kohls Nachfolger wieder probeweise Truppen auswärts befehligt, nachdem er mitsamt Regierung hierher gezogen war.

Die jetzige Oberbefehlshaberin hat den Spitznamen „Das Mädchen“, und die Stadt Berlin wird von „Wowi“ regiert. Meine Coachs deuteten aber die Möglichkeit eines Machtwechsels an: Kurz nach der bevorstehenden Wahl am 18. September werde der Papst mit seinen himmlischen Heerscharen in die Stadt einfallen! Das rrrummst ganz gewiß!

Dieser kurze Abriss der britischen Officer sollte mir zur ersten Orientierung genügen.

Ich blickte um mich. Wie soll man sich hier nur auskennen, es ist stockduster! Den Stadtplan hatte der Wind bereits gestern zerrissen, nachdem ich erfolglos versucht hatte, Kontakt mit möglichen Informanten aufzunehmen.

„Sie müssen in die Szene rein. Wir brauchen dringend Informationen! Und zwar schon vorher. Wenn Sie keine kriegen, heizen Sie den jungen Leuten ein! Suchen Sie sich meinetwegen ein paar Eckensteher und Tunichtgute aus, und machen Sie Ihnen Beine! Seien Sie bloß nicht zimperlich! Wir brauchen Resultate! Nun, los: Stellen Sie irgendwas an! Bewegen Sie sich!“

Ich verstand diese deutschen Beamten nicht recht. Sie klangen recht bestimmt, doch gleichzeitig waren ihre Vorstellungen nur äußerst vage. Und nur mühsam konnten sie ihre Angst verbergen, dass ihnen die Situation hier „entgleiten“ könnte – „falls der Funke überspringt.“ Was meinten sie? Sie wagten es nicht auszusprechen. Und die ganze Angelegenheit war für meine Begriffe reichlich überstürzt und improvisiert.

Wie kamen sie eigentlich auf mich? Sie haben „einen Mann aus London“ angefordert, der sich „mit so was“ auskennt. Doch da fingen die Schwierigkeiten schon an. Offensichtlich mangelte es den deutschen Kollegen an den elementarsten Fremdsprachenkenntnissen, und so hatten sie einen Experten nicht für „INSURRECTIONS“, sondern für „INSURANCES“ angefordert. Das war mein Metier: Versicherungsbetrug!

Und daher war es auch logisch, warum ich beim ersten Einsatz letzte Nacht keinen einzigen Informanten ans Telefon kriegen konnte, geschweige denn jemand dazu bewegen konnte, mit mir die Geschäftszeilen der Stadt unsicher zu machen und somit erste Resultate für meinen Auftraggeber zu produzieren.

Da stand ich dann gestern Nacht, mit meinem Blackberry, allein, vor dem erstbesten Kaufhaus, in einer leeren Einkaufsstraße, und wählte all die Nummern, die ich im Telefonbuch recherchiert hatte, eine nach der anderen. Doch stets: „Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an!“ Und natürlich, so Agenturen sind harte Arbeit, Kontrakte, Zahlenwerk, da müssen die Informanten auch pünktlich Feierabend machen!

Die gestrige Nacht war also reine Zeitverschwendung. Von wegen INSURANCES, pfhh!

„Aber vielleicht war es auch besser so!“, beschwichtigte ich mich selbst , als ich nun unsicher die leeren Straßenzüge erkundete, auf dem Weg durch Berlin-Mitte.

Denn genauso improvisiert wie die Anweisungen, die mir meine deutschen Kollegen auf den Weg gaben, war die Schein-Identität, die sie mir zulegten. Schon allein der Name! „SIGGI BROMMBEERE!“ Das war doch ein Witz!? Oder?

Und wie kamen sie überhaupt auf die Idee, mir neben einem Trenchcoat („Für die Ware! Da passt viel rein!“) noch einen Beagle zu verpassen! Mit kurzen Beinen wackelte er neben mir her, seine langen Ohren berührten fast den Boden. Welch dünne Ausrede der Kriminaler:

„Nun, wir können Ihnen zur Aufstandsbekämpfung leider keinen Leopard 2a7+ mitgeben! Die werden grad anderweitig gebraucht. Außerdem, Sie wissen ja, junge Leute und hochwertiger Pelze! Wir dürfen die Tierschützer-Fraktion nicht argwöhnisch machen! Gerade in der Friedrichstraße!“

Berlin Friedrichstraße: Davon hatte ich gehört. Reichtum, Luxus, High Society, „you name it!”, wie der Londoner sagt. Doch hier, ganz in der Nähe, war nichts davon zu spüren. Die Straßen, durch die ich strich, waren öde und verlassen, alles sah hier aus wie in London im Jahr 1620, zur Zeit der Pest – schenkt man Daniel Defoe Glauben. Ausgestorben, wüst und leer, ungeputzte Fenster blickten mich wie hohle Augen an, Durchgänge waren vergittert, Kellerluken mit feuchtem Sperrholz verrammelt, Stacheldraht war noch nicht erfunden.

„In Deutschland sind die sozialen Gegensätze nicht so krass!“, klang mir die Stimme eines lustigen Politikers im Ohr, den ich vor Tagen im Hotelfernseher sehen konnte. Mein Eindruck jedoch war bereits nach wenigen Stunden Berlin ein gänzlich anderer, und die einsilbigen Belehrungen der Vorgesetzten verstand ich nicht recht: Was bedeutet das Wort „schengen“? Ein Tätigkeitswort vermutlich, das Gewalttaten bezeichnet … Und „GASP“ – klingt wie ein Schimpfwort! Und dann lenkten sie schamlos ab und zählten ihre Urlaubsreisen auf: Griechenland, Ägypten, Spanien. Und gähnten „Die sollten froh sein…“ Dann luden sie mich in dieses tolle Restaurant in Dahlem ein.

So langsam wurde mir kalt, immer noch kein einziger Mensch zu sehen, geschweige denn ein Auflauf, oder gar eine VERSICHERUNG! Mein Blackberry konnte ich getrost in der Jackentasche lassen, die schlafen alle schon längst! Mein Beagle seufzte, er hatte Hunger. Und so langsam bekam ich das Gefühl, ich, der geheime Beobachter, wurde selbst beobachtet. Unauffällig ausgespäht, jede Bewegung registriert.

Diese violetten Video-Augen, die sich Tag und Nacht nie schließen, die immer wachen, nie schlafen: Wen haben sie im Blick? Worüber wachen sie? Wen schützen sie? Was verteidigen sie überhaupt?

Denn so langsam beschlich mich das Gefühl:

SIE HABEN BERLIN SCHON LÄNGST AUSGERAUBT!

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