Ein Blick in die Zeitung

Oh nein … ! Das ist doch … !

Geti Wilba!

Wie fanden wir ihn cool! Seine Performances damals im verqualmten Studentenclub … Stundenlang gingen die, und trotzdem hat keiner was begriffen. Geti, stets im exzentrischen weißen Pelzmantel, konnte machen, was er wollte: ein unbestimmbarer Zauber ging von ihm aus. Das war große Kunst!

Da saßen wir alle, gebannt und konzentriert, und steckten eine Gauloise an der andern an. Den Ellenbogen auf dem Marmortisch, die Asche im Haar, den Zeigefinger in die Schläfe gebohrt – aber keine Verstehensgeste half: Wir konnten einfach nicht begreifen, was er da auf der Bühne machte!

Geti Wilba war einfach: Avantgarde!

Der Typ war irgendwie mystisch. Mysteriös.

Natürlich, da war immer irgend ein Banause dabei, der schimpfen musste: „Und das soll Kunst sein!? Der hoppelt doch einfach nur rum, auf der Bühne! Und wackelt mit den Ohren. Das kann doch jeder!“ Wir zischten dann nur, und einmal mussten wir auch so einen Blödmann eigenhändig an die frische Luft befördern.

Denn wie schnell war Geti verunsichert, zögerte, verlor für Minuten seine traumtänzerische Sicherheit! Die verängstigten Blicke, die er dann aus seinen großen, aufgerissenen Augen ins Publikum warf, waren nur schwer auszuhalten: „Meint der denn etwa, wir wollen ihn auffressen!?“

Geti Wilbas Kunst verlangte Wohlwollen, um sich frei entfalten zu können. Und der großartige Höhepunkt seiner Performance war, wenn er am Ende, ganz plötzlich und unerwartet, von der Bühne verschwand. Wie weggezaubert!

Große Kunst!

Wir wurden dann alle Studienräte, Personaler, Beamte im gehobenen Polizeidienst, was mit Versicherungen oder Medien. Verloren uns aus den Augen. Verloren das Theater aus den Augen, die Kunst – und auch Geti. „Der wird seinen Weg schon gehen!“

Und jetzt lesen wir das:

„GETI WILBA. In: HASE ARGENTINO.“

Einmalige Sondershow! In allen Zeitungen, ganz groß angekündigt! Mit Bild. Aber: wie ABGEGESSEN ist das denn …!? Wie … billig!

Was will denn Geti im MAINSTREAM???.

Und für wen macht er das alles? Für die Busgruppen, die Geschäftsleute, den Seniorenverein. Sitzen da, schon übersättigt, auf bequemen Polstern, auf den billigen Plätzen. Schrecklich, nicht auszudenken: Massenabfertigung! Geti, wir sind enttäuscht von dir!

Doch so kämpft halt jeder heute um sein Überleben, verkauft sich jeder unter Wert, im brennend heißen Scheinwerferlicht der Gegenwart.

Dennoch: Pass auf, Geti! Jeder hat auch einen Ruf zu verlieren! Seinen Fame! Ist der erst weg, ist der Ofen aus! Dann ist die Sache für immer gegessen. Die heutige Gesellschaft vergisst nichts, und das sehr schnell!

Und wir können nur hoffen, lieber Geti: Hoffentlich, hoffentlich bricht dir diese Show nicht das Genick.

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