Ein Ausflug in die Wildness Teil 4: Die Rettung

Nachdem Tiger und General Starkato letztens arg pessimistisch aus dem letzten Haus rausgegangen sind, hellt sich ihre Miene zusehends auf.

Was sie sehen, sind die Ruinen der Moderne, das heißt: es wird romantisch, weil Fortschritt hier wieder in Natur umschlägt.

Und ihnen wird die Stille hier bewusst. Immer wenn sie etwas sagen, wird es still hier. Und dann fangen sie beide den Song an zu summen, den sie von Jonathan Richman kennen, aber eigentlich ist er von Marty Robbins, und der hat ihn eigentlich vom Greifvogel abgehört, den er stört, als er so in die Wüste reintappt, und der Greifvogel warnt alle Tiere:

Stay close together, move not a feather
Man walks among us, be still, be still
Man walks among us, be still

Natürlich ist es hier andersrum als in dem Song, den sie von Jonathan Richman kennen, deswegen heitert sich ihre Miene noch mehr auf. Von wegen:

Soon will be gone all the desert
Cities will cover each hill
Today will just be a fond memory
Man walks among us, be still, be still
Man walks among us, be still

Natürlich! Hier wird alles wieder Natur! Hoffentlich…

„93% der Konversionsflächen sind 2006 schon der Natur zurückgegeben oder an Privatmänner verkloppt worden“, liest General Stakrato aus einem alten Reiseführer vor, dessen Vorderseits fehlt und wo in den Karten alle Wege von den Holzwürmern rausgefressen wurden.

„Und Privatmänner sind ja wohl auch fernab von jeder Zivilisation, oder!“, faucht der Tiger.  Stakrato schüttelt den letzten Holzwurm aus den morschen Seiten raus, aber es ist schon zu spät: Auf die alte Schwarte hier kann man sich nicht mehr verlassen… Nichts ist mehr, wie es war…

Abb.: Riesige Kräfte walten hier, um das Militärgelände Vogelsang der Natur zurückzugeben. Es sind die riesigen Hände von Privatmännern. Gott steh dem bei, wer ihnen begegnet!!

Irgendwie kommen sie sich schon als Eindringlinge hier vor, da stören sie die Bäume beim Wachsen und die Tiere beim Äsen oder… Da!

„Hast du das gehört?“, fragt General Nrthrop den Tiger.

Da! Schon wieder. Die beiden gucken sich entgeistert an.

„Es sind Schüsse…“, flüstert der Tiger. „…?“

„Der Privatmann? Zielt mit einer Flinte auf alles, was sich bewegt?“, fragt der General.

„Kann nicht sein! Hier ist doch alles grün! Alles lebendig! Frisches Chlorophyll, glänzt.“ Mit seiner umwerfenden Logik hat Tiger den General überzeugt, dass keine Gefahr droht, und deshalb stapfen sie jetzt weiter in die Richtung wo die Schüsse herkommen. Denn: Was solls!

Abb.: Der Jägerweg führt ins Jägergrün. Aber was solls!

Dann rennen sie plötzlich wieder in die Andere Richtung.

Abb.: Das Kraftwerk. Voll öko: ohne Strom.

Dann stehen sie wieder völlig atemlos an einer Kreuzung. Dann gucken sie gemeinsam nach links.

Sie können es nicht glauben! Da stehen zwei Rehe und gucken sie an!

„Haben die die Schüsse nicht gehört!!?“, fragt General Northrp Stakrato ganz entgeistert. „Oder ist es wegen uns? Dabei sind wir bloß … TIGER UND GENERÄLE.“ Dann winken sie alle mit allen Armen, aber

die Rehe fixieren sie unentwegt

kriegen keinen Schreck

und rennen auch nicht weg.

Aber Tiger glaubt, er ist jetzt wieder in der mythischen Zeit. „Sie sagen: Folgen Sie uns!“, raunt er, und alles ist plötzlich wieder ganz geheimnisvoll.

Abb.: Ohne noch unnötige Worte zu verlieren, drehen sich die Rehe um, „schwingen die Hufe“ und „zeigen uns, wo’s lang geht“!

Und als der Tiger und der General sich noch so doof angucken, hören sie auf einmal was rascheln und dann was den Baum rauf huschen. Als es stehen bleibt, sehen sie: Es ist braun! Und: es ist ein Eichhörnchen. Eichhörnchen sind braun. Das Eichhörnchen blickt sie unentwegt an. Wie unheimlich! Aber auch wie vertraut. Ein Gefühl von Geborgenheit und Zuhause steigt im Tiger auf, und er lächelt.

Und jetzt sehen sie plötzlich hinter dem Eichhörnchen das große Haus mit den weißen Kacheln stehen. Wie ein Spuk.

Abb.: Das weiße Haus steht hier seit Uhrzeiten. Mindestens seit der Wende ist es stehengeblieben. Wahrscheinlich: innen hohl mit Kuckuck.

Und plötzlich ist das Eichhörnchen verschwunden. Wie in Luft aufgelöst!

Alles ist jetzt sonnenklar: „Wir müssen zu dem Haus“, murmelt der Tiger und zerrt Nrthrop, der hä? sagt, am Ärmel seines lila Fallschirm-Armeeseidenblousons in Richtung Haus.

Abb.: Ein Beweisfoto, dass es das weiße Haus wirklich gibt. Weil uns ja sonst keiner glaubt.

Aber Nrthrop denkt: „Klar! Das Eichhörnchen hatte nur Schiss. Das dachte: Tiger und Generäle? Kenn ich nicht – nix wie weg.“

* * *

Aber seltsam findet er es schon: das Geschrei, das alle Vögel machen, als sie sich dem Eingang des mythischen Hauses nähern. Unmengen von Vögeln. Und kein einziger zu sehen. „Das ist doch nicht normal!“, wispert der General und wischt sich den Angstschweiß von der Stirn.

Aber Asphalt Tiger trottet einfach wie verhext zum Eingang des Hauses: „Hier muss es sein…“, nuschelt er und bahnt sich den Weg durch das Gebüsch, das es gar nicht gibt.

Abb.: Ganz einfach! Die Tür ist schon offen.

Tiger und Nrthrop verharren an der Schwelle. Des Hauses. Und halten inne:

Was soll das? Die Rehe, das Eichhorn, die Vögel? Wollen sie die beiden Eindringlinge dazu bewegen, näher zu kommen, ihnen zu folgen in ihr geheimnisvolles Reich, oder überlegen sie erst, haben dann Angst und wollen die beiden schließlich loswerden?

Und Nrthrop und Tiger: Folgen sie blind dem irrationalen Sog der Natur, verfallen sie dem Raunen des Mythos — und gehen sie als Subjekte verschütt? Oder stilisieren sie sich hier zu Protagonisten des Fortschritts: Forscher, Entdecker, Abenteurer — blind für das Unheil, das ihr Eindringen ins geheime Reich des Waldes, ihre Kolonisierung und Unterwerfung der Tier- und Pflanzenwelt mit Stiefel, Blick und Fotoapparat anzurichten droht? Sie wissen es nicht genau.

* * *

Das Denken setzt aus, sie geraten wieder in den Bann… Beide fühlen die größtmögliche Anziehung und die größtmöglich Abstoßung von dem Gebäude zugleich ausgehen: Mana, tapu — geheimnisvolle Kräfte der Südsee-Insulaner, mitten in der Uckermark. Das Heilige, ein Berührungsverbot, und dieser Drang, es zu brechen. Und schimpften auch hundert bösartige Elstern und Eichelhäher: hier ist mehr als Natur. „Ist hier das Zentrum?“, rufen sie leise in das Haus rein.

In der Erwartung des Äußersten betreten der General und Asphalt das Innere dieses exzentrischen Gebäudes, das vielleicht von tausenden wütenden oder zumindest unberechenbaren Vögeln verteidigt wird.

Was ist das?? High-Tech und Mystik!?

General Stakrato rationalisiert: „Hier war bestimmt die Küche. Die mussten ja schließlich auch was zu essen kriegen. Die 12000 Soldaten. Oder war hier ein Waschsalon?“

(Natürlich ist das meiste längst abmontiert und im Auftrag des Landes Brandenburg auf dem Schrotthandel verhökert worden. Zum Glück gibt es Fotos „von früher“)

Die beiden Eindringlinge haben kaum Zeit sich umzugucken. Der Lärm der Vögel wird immer aggressiver und immer lauter. Es ist kaum mehr auszuhalten! Sie rennen auf das Zentrum des Geschreis durch, da müssen sie wohl durch, dann wird alles schlagartig still. Und sie haben selbst die Münder sperrangelweit offen, wie zum Schrei, aber vor Schiss kriegen sie keinen Ton raus.

Wo ist es bloß, wo ist es!!!

Hier.

Hier ist es.

Plötzlich ist alles still. Alle Vögel entwischen nach draußen.

Und das Grauen baumelt im Zentrum. In der Mitte eines Raumes, der in hellem Weiß erstrahlt. Das Unheimliche schwingt und rotiert rasend schnell. Mitten in der Luft. Mitten im Raum. Es ist KLEIN. Und grau, und man kann es nicht genau erkennen. Das ist das Schlimmste. Das sieht so verdammt gefährlich aus.

Wie das Grauen bannen?? — Genau: Mit Technik!

Tiger zückt seine Kamera. Er drückt den An-Knopf, und das Gerät summt leise und beruhigend, während das Objektiv ausfährt. Tiger wird auf einmal ganz ruhig, atmet tiefer. Jetzt blickt er durch. Drückt auf den Auslöser, und das Bild auf dem Display wird für kurze Zeit gestochen scharf und strahlend klar (aber das Foto ist dann wieder nur verschwommen).

Und blitzschnell verwandelt sich das pure Grauen in reines Mitleid: „Es ist ein Rotschwänzchen! Es ist noch ganz jung, gerade flügge! Es hat sich mit seinem Beinchen in einem Faden verheddert und hängt jetzt kopfüber! Und schlägt wie wild um sich!

Wir müssen es retten!“, schreit der Tiger General Nrthrop zu. Der kommandiert kühl: „Drück ab! Mach Photos! Sichere Beweise!“

Doch Tiger ist zu sehr aus dem Häuschen. Hat er doch Roland Barthes gelesen: dass Fotografieren tötet. Und jetzt weiß er gewiss, dass er nie Kriegsfotograf werden kann: „Was hilft uns ein gutes Foto, wenn wir das Tier nicht durch kriegen!! Wir müssen das Tier unbedingt durch kriegen!!“ Und sein empathischer Schrei drückt das ganze Elend dieser verhedderten Kreatur aus. So schießt er nur ein einziges schlechtes Foto:

„Gemach, gemach“, beruhigt Nrthrop: „Natürlich habe ich für solche Fälle ein Taschenmesser dabei. Damit können wir ganz vorsichtig die Schnur durchschneiden, an der das Vögelchen sich aufgehängt hat.“ Und kühl, beinahe unterkühlt, wie ein guter Arzt, der von anfang an weiß, dass er den Schwerverletzten durchbringen wird, schreitet er zum Gefiederten Freund. Aber wie soll er den kleinen Wirbelwind festhalten, ohne ihn zu verletzen?

„Genau!“ Mit messerscharfer Logik schließt General Nrthrop von der bekannten auf die unbekannte Welt. „Natürlich! Tante Erna! Ihr Wellensittich! Wenn man das grüne Tuch übern Käfig wirft, schläft der ein: Kombiniere!“ Mit sicherem Griff umschließen seine Hände das graue Wollknäuel, das im Nu ganz ruhig wird.

* * *

Tiger nutzt die Gunst der Sekunde und schneidet vorsichtig den Faden durch, in dem sich das unglückliche Tier verheddert hat. Der Faden hängt aus einem großen Wasserboiler, den die Privatmänner noch nicht verkloppt haben. Hier haben die Rotschwänzchen ihr Nest. Dann zuppelt der Tiger den Rest vom Faden vom zierlichen Beinchen des jungen Rotschwänzchens! Jetzt hat er es befreit.

Dieses bebt und zittert in den rauhen Händen des Generals. „Schnell! Fenster auf!“ Ohne Zögern reißt der Tiger ein Glasfenster auf, ohne Zögern tritt der General zum Fenster und öffnet seine groben Hände: „Flieg, kleiner Vogel, flieg!“

Und er fliegt!

Ist das nicht schön?

Abb.: Ein Mitglied der Rotschwanz-Familie

Doch schon meldet sich wieder der Gewissenszweifel:

„Kamen wir durch Zufall gerade im rechten Moment, um diesen kleinen Kerl zu retten? Zwei Stunden später, und — nicht auszudenken? Haben uns die Rehe und das Eichhörnchen und die Vogelscharen also in einer zärtlichen Kameradschaft der Animalischen zu Hilfe gerufen — und uns damit die Freundschaft erklärt?“, fragt Tiger.

„Oder war unser unerwartetes Eindringen in das Tierreich im Gegenteil erst der Auslöser all dieses Unglücks und dieser Verstrickung mit beinahe tödlichem Ausgang? Haben uns die Rehe mit flehendem Blick, das Eichhörnchen mit abrupter Mißachtung und die Vögel mit der Vehemenz ihres Wutgeschreis davon abhalten wollen, uns dem Nest des unschuldigen Vögelchens zu nähern und es so zu erschrecken, dass es alle Vorsichtsmaßnahmen außer acht ließ? Und in eine Falle tappte, die es mit kühlem Kopf stets zu vermeiden wusste? Haben sie in uns den Feind erkannt?“, fragt Nrthrop.

„Kurzum“, resümiert der Tiger, „bringt unser Handeln in der Natur eher das Verderben oder die Rettung? Und was sagen die Tiere dazu.“

Abb.: Auf dem First des alten Gewächshauses – noch ein Rotschwänzchen! Und unten am Glasdach – noch eines!

Ratlos schauen sich die beiden um. Der wache Blick des Generals fällt auf die Digitalkamera in der Hand des Tigers.

„Nun, wenn man Marx glauben darf, wird Technologie in den Händen der Arbeiterklasse zum Mittel der Emanzipation und Befreiung (MEW Bd. 23, S.465)! Jedenfalls hat die Natur hier einfach saumäßig Glück gehabt! Jedenfalls war hier mal die Technik sozusagen das Medium der Erlösung der Natur – und nicht ihrer Unterwerfung! Denn jedenfalls: ohne ihre Aufklärung hätten wir den Vogel für ein Gespenst gehalten! So wie er gezappelt hat!

Bevor dein Objektiv alles glasklar offenbart, haben wir doch rein gar nichts erkannt!

Vorher / Nachher: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht,“ (1 Kor 13,12)

„Genau!“, fällt der Tiger ein: „Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber [surrt das Objektiv] werde ich durch und durch erkennen, /so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ (ebd.)

„Genau!“, jubelt der General: „Von den Rehen, den Eichhörnchen, und den Vögeln!“

„Ja!“, schließt Asphalt Tiger besinnlich, als sie langsam wieder zum Ausgang trotten, zufrieden mit sich und der Welt:

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,13)

Ja! Eins ist sicher: Die beiden lieben das Rotschwänzchen! Die beiden haben das Rotschwänzchen aus seiner Verstrickung erlöst und in ihr Herz geschlossen, mithilfe der Technik, und mit ihren eigenen Händen und ihrem Kopf voller Ideen (Tante Erna – der Wellensittich), ihrem Mut und ihrer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Aber sie reden nicht groß davon. Denn das wichtigste ist ja wohl die Liebe.

Die beiden gehen raus aus dem Haus und atmen tief durch. Die Vögel zwitschern jetzt fröhlich.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kreuz und quer durch den Gemüsegarten, Seltsames Unheimliches Unverständliches veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s