Ein Ausflug in die Wildness Teil 3: Ein erster Einstieg

So. Nachdem Asphalt Tiger und General Nrthrop Sakarto erstmal den Eingang passiert haben und den großen Schreck mit dem Hund verdaut haben, holen sie tief Luft. Unter ihren Füßen Heidesand, vor ihnen weite Ebenen, und als sie sich schräg umdrehen, sehen sie den Wald.

Wenn sie die Augen fest zusammenkneifen, brauchen sie keinen Fernstecher. „Da vorne! Da sind Gebäude!“, erspäht Sakarto. Und wie sie sich umdrehen, kommen immer mehr Gebäude im Wald.

Vorsichtig tasten sie sich durchs Gelände, und immer wenn ein Fuß einen Kienappel zertritt, schauen sie sich erschrocken an. „Ist da wer?“

Der Wind streicht durch die Bäume. Vielleicht kommt er von Osten … durch die Taiga … bis hierher? Immerhin ist das eine sowjetische Kaserne. Tiger und der General waren noch nie in Russland. Sie stellen sich das sehr weit vor.

„Wolln wer da rein?“ Da stehn se vor dem ersten großen Gebäude, und Tiger guckt hoch und runter.

„Vamos!“ Der General macht eine Bewegung, die aussieht wie: ‚Folge mir!‘

Und dann sind sie drin. Die Tür war offen. Einladend. Alles war einfach, kein Widerstand. Wieso auch? Es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint…

Wie hell und großzügig die Vergangenheit war! Tiger dachte, hier wurde nur geschossen – aber hier wurde auch gelebt,  gescherzt, gelacht! Der eine pfeift, der andre singt, und wieder einer schreibt einen Brief oder ein Gedicht, romantisch, und der schraubt an seinem Roller, und der hört Transistorradio. Wer denkt denn da ans Schießen?

„Jetzt bin ich mir 100%ig sicher, dass der Russ ein Mensch war wie du und ich!“, strahlt Tiger.

„Na, wie Du vielleicht nicht…“, und es dauert ein bißchen, bis Tiger rafft, was Northrp meint.

„Ich bin doch nicht plemmplemm!“

Und Tiger fällt auf, dass das Wort genauso aussieht, wie das Ende von dem Draht da!

Und als sie oben sind im 1. OG, können sie es gar nicht fassen: So viel Space hatte der Russe! Ja ja, die russische Weite …

„Was das wohl war für ein Raum? Zum Was machen?“ Nrthrop und Tiger tanzen im Sonnenlicht, die Augen halb geschlossen, und wedeln mit den Armen. Wie echte Soldaten halt!

„Keine Ahnung! Sicher für Veranstaltungen. Tanz! Klubabend! Vortragsabend! Man kann ein Klavier auf die Bühne da hinten wuchten und dann da drauf rumhämmern: Honkytonk oder Polka! Oder eine Sängerin singt traurige Lieder von daheim und alle schluchzen…“

„Ja! Genau so war es!“, sagt Sakrato und stampft mit seinem Holzbein auf den Boden. Dann ist er wieder wie normal.

„Da! Schau!“ General Nrthrop hat was entdeckt: „Ein sowjetisches Mandala!“

Weil sie so was noch nicht kennen, schauen die beiden voll rein und sind so was von geflasht. Ein Glück für die Beiden war das schon was vom Zahn der Zeit zerfressen, sonst Gnade dir Gott: Neverending Trip to the Moon! Northrp pfeifodelict:

Fly me to the moon

take me to the stars

Let me see how spring is like

on Jupiter or Mars!

„Ganz schön harter Stuff, oder? Ich seh Sternchen!“ General Sakrato ist ja so einiges gewöhnt. Aber das haut ihn ja wohl voll von den Socken!

Da! … Tiger streckt seinen Finger in die Luft und schaut ihm nach.

„Sag ma … General …? Kennst du den Mann da?  … °.° … Keine Ahnung, irgendwie spooky? Wie der uns mustert mit seinen stahlblauen Augen … Die gehn ja immer von links nach rechts von uns einem zum andern und wieder zurück unter seine wirren grauen Haare. Wo kommt der denn her, hab ich ja noch NIE gesehn. Schiebt hier einfach sein Fahrrad durch mit sechs Kilo Pilzen an drei Tüten vorne am Lenker. Und warum ist alles hier jetzt so dunkel, war doch eben noch Sonne?“

General Nrthrop schüttelt seinen Kameraden wach und gießt ihm schnell was kaltes Leitungswasser über die Stirn:

„Tiger, komm runter! Der alte Mann kann noch gar nicht hier sein! Den kennen wir noch gar nicht! Der kommt erst heut abend hier vorbeigefahren. Durch die Gegend.“

Tiger kriegt sich noch nicht ganz wach „Ein Gespenst fährt über Europa. Mit sein Fahrrad.“ Murmelt er. „Es heißt …“

Dann ist er hellwach: „Sagma, wir ham den gar nicht gefragt, wie er eigentlich heißt, oder?“

„Nee.“

„Der Namenlose…“

Eine Frau zaubert was von einer Hand in die andere. Zwei Schwäne mit Kronen auf fliegen über ein Meer, auf dem ein Segelschiff fährt.

„Weißt du, was das bedeutet?“ General Sakarto ist sich ungewöhnlich unsicher.

„Nee. Keine Ahnung. Vielleicht ein russisches Märchen?“ Tiger kratzt sich am Kopp.

„Das werden wir wohl nie erfahren! Wer das wohl gemalt hat? Sicher die Werktätigen! Vielleicht hatten die hier ja auch Laienkunstzirkel!“ Genrelas Augen leuchten sanft, und Sakarto streicht über die Wand / wie mit einem Pinsel in die Hand.

„Ja!“ Ergänzt der Tiger: „Und haben sozialistisches Erbe geschaffen!“

Plötzlich zuckts dem Tiger im Hirn, der Namenlose Alte schaltet sich wieder ein und klingelt an seiner Fahrradklingel im Schatten, damit Tiger rüberguckt zu ihm ins Dunkel, direkt in die unbewegten Seheraugen: ‚In einem halben Jahr ist hier alles platt! Ab! ge! riss! sen! Abgewrackt. Von die Ab!riss!unternehmer. Dann…‘, nickt er mysteriös mit seinem Kopf und unkend mit dem Kinn, ‚Dann wachsen hier ü-ber-all wieder Pilze.‘

Asphalt Tiger grausts und er rüttelt am General: „Scheiße, siehst du nicht: Das verfällt hier alles! Das ganze Erbe! Das alles soll vor die Hunde gehen!? Was KÖNNTE man hier alles machen!“

„Ein Festival für die Jugend! Ateliers, Werkstätten, oder ein großen Saal für fünfzig Leute, einfach zum Pennen in die Schlafsäcke, nach dem großen Lagerfeuer am Abend.“

„Strom ist ja da! Wasser ist auch da! Wie KÖNNTE man hier leben: hier in den schärfsten Villen / und nicht im letzten Loch!“, paraphrasiert Tiger die Helden seiner Jugend: Ton Steine Scherben.

„Ja! Da reden se überall von kulturellem Erbe! Cultural Heritage! Und hier, zweitgrößtes Kasernengelände der DDR, das verfällt! Ist das etwa nicht Erbe?“ Nrthrop echauffiert sich und wird rotblau im Gesicht.

Tiger geht kurz die Puste aus. „Vielleicht weil Kulturelles Erbe so n Ding von Ganz Oben ist: UNESCO? Weltkulturerbe? Und dann von den ganzen Staaten. Und dann Tourismusbüro, Städtemarketing. Und dann Immobilienbranche. Die machen alle Erbe zu Geld.

Und sowjetisches Erbe? Reklamiert kein Staat mehr. Alle vom Erdboden verschluckt. Und hier in Vogelsang: Das ganze Exterritoriale von den Russen? Ist  sowieso fast alles schon abgeräumt. Da sind nur noch die Vögel, und die letzten privaten Bagger im Auftrag vom Land Brandenburg. Erbe? Den Dumpfbratzen, die heut hier Kohle machen, ist das egal. Hauptsache se können bisschen was verkloppen, damit se am Wochenende was zu versaufen ham.

Und die sowjetischen Soldaten damals, die wurden in Nacht und Nebel rüberkutschiert, (stellt sich Tiger vor) selbst die Fahrer von den dicken Lkw hatten Binden über die Augen, und die Scheinwerfer schwarz verklebt, damit die nicht sehen, wohin sie fahren. Alle! Druck und druff, über die Grenzen. Dann hat der Kommandant irgendwann auf Russisch gerufen: Stopp! Halt!

Da warn se mitten im Wald. Und keiner von denen wusste, wo se jetzt sind. ‚Hä?‘, haben die sich gefragt? Dann ham die in einer mondlosen Nacht 1954 die ganzen Lkws entladen und das Lager hier gebaut. Im Nirgendwo. Ein Käuzchen ruft.

Da waren se dann hier. Wie staatenlos. Wie das Putzpersonal aus den Philippinen, von dem du erzählt hast. Das der US-Militärkonzern nach Bahrain geholt hat zum Putzen, und dann waren se plötzlich in den Camps in Afghanistan, verschleppt ohne Geld und Arbeitsvertrag, und wussten nicht, wo se waren.

Und als die Sonne dann aufgegangen war in Vogelsang und sie aus dem Fenster geguckt haben…

… da dachten se dann: ‚Irgend wie ist das vertraut hier. Wie zuhause. Kiefern und Birken.‘ Und dann hat sie dann die SEHNSUCHT gepackt! Nach Zuhause… “

General Sakarto ist jetzt ebenso nachdenklich, der ganze Enthusiasmus ist verflogen: „Genau. Und raus konnten se ja nicht! Die warn hier in der Kaserne, mitten im Wald, eingesperrt…“

Abb.: Ein Schmetterling sucht einen Weg in die Freiheit, hindurch durch die Mauern aus Glas. Denn Freiheit ist das einzige was zählt! Deswegen sagt man auch: ‚Glasnost‘!

Und Tiger philosophiert: „Die SEHNSUCHT: Vielleicht ist das das einzige Kulturelle Erbe, was denen bleibt. Den armen Schweinen, hinter Stacheldraht. In den Arbeitskäfigen. In den Fabriken. Den Kasernen. Den Wartehallen. Den Knästen. Vielleicht ist das auch das Einzige, was UNS ALLEN noch gehört: DIE SEHNSUCHT…“

Und Tiger wird drieslig vor Augen vor philosophischer Schwermut.

Aber General Sakarto strafft sich und stimmt ihm zu: „Ja! Die Sehnsucht ist das einzige Kulturelle Erbe, was man nicht KAUFEN und VERKAUFEN kann!“

„Ja! Das einzige Kulturelle Erbe, was se verschenken! Kriegste kostenlos! Zu dem GANZEN SCHEISS dazu!“

„Ist ja auch Immateriell!“

Ein Gespenst schiebt sein Fahrrad über Europa, und mit seinen stahlblauen Augen schaut es jetzt den Tiger wieder an, und die Augen dringen jetzt bis in sein Brain, und der Namenlose mit den grünen Jägerhosenträgern mit den beigen Zielscheiben und den gekreuzten Flinten drauf  holt sein Wissen aus dem Center of the Universe unter seiner tarnfarbenen Jacke, dass es Schaum schlägt in seinem Mund, während er es mit seiner Zunge drin zu stabilen Worten formt:

‚Früher‘, kommt es jetzt an Tönen aus seinem Mund, ‚waren hier 12 bis 15.000 Menschen. Ham hier gelebt! Ham hier gelebt, gearbeitet, geschossen wie Du und ich!‘

„Na, wie ich vielleicht nicht“, wirft der Tiger ein.

Der Namenlose Alte macht eine wegwerfende Handbewegung. „Wir ham das gesehn, wie die kamen. Die armen Hunde mussten das selbst mit aufbauen. War eine Heidenarbeit! Betonplatten gießen hier überall. Und dann sind die immer ausgebüxt, mit n Seemannsack über die Mauer. Wodka und Bier holen. Und wenn se den wieder über die Mauer geschmissen haben, ist die Hälfte drin kaputt gegangen. War ja Glas!

Und einmal hab ich mitgekriegt, wie se die erwischt haben. Ham denen mit m Gewehrkolben eins übergezogen und die dann aufn Pritschenwagen geschubst, das die mitm Kopp gegen die Wand geknallt sind, das gab ein Schlag. Und dann ab inn Knast! Da warn die nicht zimperlich!“

„All we are is dust in the Wind“ (Kansas)

Und es bleiben Inschriften, die nicht entziffert werden können, bis zum Schluss, wenn sich unter dem Druck alles in Luft auflöst.

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