Ein Ausflug in die Wildness Teil 2: Wir sind da!

Der Ausflug geht also weiter. General Stakrato und Asphalt Tiger halten sich an den Wänden von ihrem Jeep fest, als der von den Schlaglöchern der Brandenburger Piste durchgerüttelt wird. Gleichzeitig halten sie Ausschau:

„Da! Da sind welche! Da muss es sein!“

Drei Kappen laufen in den Wald hinein, geduckt, gehetzt, auf dem staubigen Weg zwischen den hohen Kiefern, zwischen denen viel Platz mit Farnen, dürrem Holz und aufgewühlter rotgrauer Erde ist.

Auf den Navi können wir uns nicht verlassen, der zeigt was völlig anderes an, „hat uns verloren“. Es war vielleicht noch nie ein Mensch hier! Mitten im Wald. Wo uns der Navi anzeigt. Aber da sind wir nicht.

General Stakarto ruft den Tiger aus seiner Sonderwelt zurück: „Tiger, träum weiter! Was heißt Wir? Was heißt Ich? Ich ist ein Anderer! Ich ist eine Illusion!“

Abb. 1: Da sind sie durch, die drei Kappen.

Trotzdem. Es ist so heiß! Ich habe Durst! „Ich ist eine Illusion vom Navi! Und wenn schon! Wenn wir wenigstens ankommen!“ Schreit der Tiger. Wir fahren auf der Straße weiter. Die ist schnurgerade. Die Sonne brennt, es ist Mittag. „Jetzt hat uns der Navi wieder!“ Und: „Wir müssen umdrehen! Die Kappen waren sicher richtig!“

Dann sind wir gleich auf dem Parkplatz, neben dem stillgelegten Bahngebäude, kurz hinter Vogelsang, nordöstlich von Zehdenick, dem Ziegelort im Norden von Berlin.

Ich creme mir die Stirn ein: Sonnencreme. „Für Kinder! War ein Euro billiger als für Erwachsene!“ Freue und wundere ich mich noch immer. „Hab ich auch! Für Kinder!“, sagt … sagt General Nrthrop, und jetzt weiß ich wieder, dass ich noch normal bin.

Wie vernünftige Menschen gehen wir an den Schienen lang, bis zur Schranke. Hier muss es sein! Schranken signalisieren das Verbotene! Und das gerade suchen wir. Stakarto diagnostiziert: „Hier gehts lang! Vamos!“

Die drei Kappen kommen uns wieder entgegen. „Das waren die von vorhin, oder?“, fragt Nrthrop. „Ich“ kann bestimmt entgegnen: „Nein. Die hier hatten keine Kappen.“

Abb. 2: Zwei Pfosten im Wald

Jetzt werden wir mehrere Stunde lang keinen Menschen sehen noch hören. Ab und zu jedoch schallt uns das Echo unserer Stimmen mal als Wispern, mal als höhnisches Poltern entgegen, füllt die kurzen Pausen zwischen unseren Worten und Wortwechseln, und verschwindet schnell, wenn einer von sagt: „Still! War da das?“ Und manchmal haben wir das klamme Gefühl, wir bewegen uns knapp an der Grenze zu einer anderen Welt vorbei …

Abb. 3: Der Draht in der Sonne. Und auf der andern Seite?

Unheimlich ist das schon, wie General Northrp und der Tiger den schnurgeraden Weg immer weiter gehen. Links und rechts davon Moor. (In Mooren kann man versinken!) Mit Bäumen, die wie Finger einer Hand aus dem Wasser kommen. Und sich im Wasser spiegeln und nach unten verdoppeln.

Unbewegt und ohne Zittern spannt sich die Wasseroberfläche, und strahlend grüne Gräserbüschel schweben auf diesem schwarz verhangenen, glänzenden Spiegel, eine schreiende Geschmacklosigkeit auf dem Schweigen gebietenden Memento Mori.

Abb. 4: Der Sumpf von Vogelsang. Nachts irren hier Lichter. Pass acht!

„Memento Moori!“ Asphalt Tiger macht einen Scheiß Witz, und schon geht die ganze Feierlichkeit flöten.

Aber sowieso stehen sie jetzt schon vor dem Tor des riesigen Kasernengeländes bei Havel bei Vogelsang, nördlich von Berlin. Das Tor ist offen. Asphalt und Sakarto blicken sich fragend an. Sakarto weist mit dem Kinn den Weg, „da lang!“, und Tiger geht vor.

Abb. 5: Das Kasernentor der Russenkaserne vor Berlin. Früher herrschte hier ein rüder Ton. Der Russ forderte barsch: „Papiere bitte!“ (Tiger versteht kein Russisch)

Durch! Beide! Keine Verluste! Ohne sich unter Gewehrfeuer, einer prasselnden Feuergarbe ducken zu müssen. (Wer hätte das gedacht? Hm?) Sie tupfen sich den Schweiß von der Stirn, mit ihren geblümten Taschentüchern, die schnell wieder im Feldgrau verschwinden.

General und Tiger gucken sich um: Alles leer hier!

Sie brechen (vor Erleichterung) in lautes Lachen aus: „Ha! Ha! Ha!“ – „Ha haha!“ — „Ha ha ha!!“

Abb. 6: Der Hundezwinger. Leer.

Dann blicken sie sich beschämt an. Ein lähmendes Schweigen. Warum? Tiger scharrt im trockenen Schotter:

„Hast du eine Ahnung! Vielleicht ist das komisch, hä? Die riesigen Bäume – der kleine Hund! Aber nur vielleicht!!“

„Warum?“, fragt General Nrthrop erschrocken.

„Weil der Hund gar nicht da ist? Vielleicht?“

Tiger kennt sich mit Hunden aus! Wie das ist, wenn sie Dir die Tatzen auf die Schultern legen! Denn darin sind sie ganz groß! Und was das heißt, wenn Du eine modrige Feuchtigkeit an der Wange spürst: Das ist nicht die Zunge, die dich liebkost! Das ist der Lefzen, und dem Tier läuft das Wasser grad im Mund zusammen, und was Dir so heiß den Atem verschlägt, ist der höllische Brodem aus seinem Magen, und nicht die Siesta der Savanne. Von wegen …

Das alles sagt Tiger nicht, und lässt den General einfach verduzt zurück. So ist das mit der Natur!

Abb.: Das Empfangsgebäude – hohläugig. Einst war hier ein Leben!

Staunend stehen sie da, der Tiger und der General. Sie stehen auf dem riesigen Gelände der Russenkaserne. Längst schon ist sie verlassen. Seit zwanzig Jahren ist der anti-faschistische Schutzwall hin. Die Russen sind nach Russland geflüchtet. Was sie wohl sagen würden, wenn sie all das hier wiedersähen, heute? Was würden sie dazu sagen, diese kommunistischen Atheisten? Dass das hier jetzt „Konversionsgelände“ heißt.

Die russischen Kfz: alle weggerollt.

Nur noch die Landschaft bleibt.

Der letzte Rotarmist

Unterbricht seinen Schiss.

„Nehmt mich mit, Genossen!

Zurück in den Osten!“

Ja, so war die Soldatenlyrik: einfach und direkt. Und besser!

Als der General und der Tiger um das nächste Gebäude rumschleichen, wird ihnen wieder mal die ganze Niedertracht der Gegenwart bewusst: Hier im Westen, da wird doch alles verkauft! Alles verscherbelt! Mit alles quankeln die, in der EU! Die schrecken vor NIX zurück! Hauptsache Piepen!

Da dachten die beiden: Hier wittern wir noch mal große Geschichte!

Und: was entdecken sie? Alles kommt unter den Hammer! „Konversion“ heißt hier: Hinterlassenschaften des sowjetischen Brudervolks, Grund und Boden des Landes Brandenburg verkloppen, verwandeln in ein paar Euro und Cent. Und irgendwer hat dann einen Wald, Berge von Steinen, Holz und Altmetall, paar Granaten, ganze Herden von Rehen, dann kommt n Zaun drumrum und ein Schloss, und Ende Gelände.

Diese Eurokon… Euroconjo!!, fuck… Die gibts schon gar nicht mehr? Heute verkloppt die BBG das Land. Die gehört der Alba. Dem Schrottunternehmen… Die verkloppt auch hier alles.

Hier standen mal überall Kasernengebäude. Heute: alles platt.

Da! Nix! Landschaft! Wiese!

Tiger hat Hunger. Sie machen Picknick auf der Wiese. Es gibt MASSEN an Käsestullen. Und würzige Pfefferwürste.

Tiger war auch in dem neuen Kochladen, U-Bahnhof Eberswalder Straße, Schönhauser Allee Ecke Pappelallee. Da wo früher das Rossmann drin war. Sachen fürs Survival einkaufen. Da hat er einige Schnäppchen aus dem Sonderangebot Wühltisch abgesahnt. Dachte er.

Als er es aber auf der Picknickdecke ausbreitet, stellt er fest, dass es der größte Scheiß ist: Eine Currywurst-Säge aus Japan, zehnfach gehärtetes Edelstahl — ??? Wozu? … Ein Do-It-Yourself Set „Tortelloni“ mit labbrigem zerknitterten Teig und einer Käsericotta-Füllpumpe,  die aussieht wie eine Silikon-Pistole von OBI — ???Tiger hat die Schere für den Plastikverschluss vergessen …

Ein Instant-Weißwurst Bastelkasten mit Fußpumpe und „Süße Senf“-Kartusche (Vorsicht Hochdruck Do not Store >25°C) — Es ist heiß hier, Sommer! Hallo? … Eine hydraulische Knoblauchpresse, und dann liest Tiger: Scheiße, kompatibel nur mit Schiffshebewerk Niederfinow …

Egal. Der nächste Teil vom Ausflugbericht kommt bestimmt.

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