Der Dienstverrichtungsraum

Asphalt Tiger ist im Zentrum des germanischen Imperiums angelangt. Scheiße. Das ist zu viel für ihn. Er geht erst mal underground. Rückblickend denkt er: Ja, besser ist das schon.

Tiger denkt sich: Natürlich ist das nix Neues. Marcel Duchamp und Gerhard Richter haben das schon vor mir gemacht.  Na ja, „Tiger, die Treppe runtersteigend…“, blöder Witz.

Aber Asphalt Tiger mag halt mal die wuchtige Pose, die wuchtige Poesie, die volltönende Angeberei. So sind Tiger!

Aber Tiger mag auch das Kleine, das stille, verschwiegene Glück mag er. Das, was die laut tönende Welt gar nicht mitkriegt. Tiger nimmt das wahr mit seinen scharfen Augen.

Das, was in dieser protzigen Moderne oder wie auch immer an den Rand gedrängt wird, wo die Menschenmassen vorbei gehen, ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen. Immer in Eile, immer gehetzt, mit Blick auf die Armbanduhr, nehmen sie gar nicht wahr, was hier seit langem schon unauffällig existiert. Zum Beispiel: Gardinen!

Wer von uns kennt das schon noch?: Gardinen. Tiger erinnert sich nur ungern an diese Geschichte von Bruno Taut, der ausgeflippt und seine bunten Wände seiner sachlichen Architektur hochgegangen ist. Weil die Leute Gardinen in seine quadratischen Fenster gehängt haben!!

Tiger hat dafür vollstes Verständnis, wenn sich die Leute in den modernen Etagen und Gewölben so einrichten, wie sie es gewohnt sind. Wie sie es gemütlich finden. Inmitten all der Technik. Der Kabel und Warnanlagen. Und auf dem Betonfussboden.

Wann immer es geht, lugt er heimlich rein in die Kabüffchen und Pförtnerhäuschen der Berliner Verkehrsgesellschaft, am Schaffner vorbei, und ist fasziniert, wie die es sich da eingerichtet haben.

Letztens hat er gesehen, auf engstem Raum: Kaffeemaschine. Sie arbeitet Tag und Nacht. Gleich zwei Mikrowellen! Die Geschmäcker sind verschieden. Kühlschrank. Niemals fehlt: Das Küchenradio. Wachstischdecke, darunter schauen vier Beine durch. Kalender mit Hunden. Staubsauger.

Und daneben: die ganzen blinkenden Schalter und Lämpchen und Lichter, um die moderne Maschine zu steuern und vor dem Durchdrehen zu bewahren!

Wie wichtig es da ist, Leib und Seele zusammen zu halten! Und vor allem: Sich im Betriebsalltag ein wenig Privatsphäre zu bewahren. DAFÜR SIND GARDINEN DA!

Und hier, am Potsdamer Platz, mitten im Zentrum der modernen Dienstleistungsmetropole, in der Geschäftigkeit des Business Districts, des Glücksspiels, der Vergnügungen und des Konsumrauschs, behauptet sich die Gemütlichkeit, die Privatheit das stille Glück der Diensthabenden als selbstverständliches Komplement einer altmodischen Bürokratie, wie man sie kennt aus Kaisers Zeiten.

Welches Wort könnte diese Aufmerksamkeit auf die Hege und Pflege der dienstlichen Privatsphäre, diese Konzentration auf die intimen Vorgänge rund um das leibliche Wohl der Beamten besser ausdrücken als dieses herrliche Wort: DIENSTVERRICHTUNGSRAUM.


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