Der Glatzköpfige und Sein Oppa

Abb.: Sieh’s endlich ein, General Hair! Der Krieg ist vorbei!

* * *

„Nee!“ – „Nee!“

„Nee! Nee du! Wenn ich’s dir sage!“  – „Da bist du aber schief gewickelt!“

„Alterchen, du hast die Weisheit sicher nicht mit Löffeln gefressen!“ – „Beim besten Willen nicht, du gottverdammtes Greenhorn.“ – „Und Recht hab ich doch!“ – „Von wegen! Von wee-gennn! Nänänä!“

Asphalt Tigers Kopf geht von links nach rechts. Nach links. Nach rechts.

Die beiden Zankhähne! Aber keiner will aufgeben.

„Vergiss es!“ – „Nie. Im. Le. Ben!“

„Das Letzte! Das Letzte, Alter!“ — „Stecks dir sonst wo hin!“

So geht das schon seit Stunden! Asphalt Tiger sitzt den beiden gegenüber, auf dem hintersten Vierersitz, und ist fasziniert: Das ist Großes Kino. Und er ist froh, dass er sich so spät am Abend noch mal auf die Socken gemacht hat. Ne Runde mit seiner Lieblingsstraßenbahn drehen. Da ist immer was los.

„Da hört sich doch alles auf! Das ist doch erstunken und erlogen!“ – „Bei dir piept’s wohl!“

Plötzlich sind die beiden stumm. Ja! Jetzt hat’s der Tiger auch gehört. Und zwar piept es ganz gewaltig. Die Straßenbahn steht schon seit längerem still. Die Sonne ist schon längst wieder aufgewacht, und erst hat die Amsel angefangen, und dann die ganzen Spatzen, in den Büschen rundherum.

„Wo sind wir denn eigentlich?“, fragt da der Glatzköpfige und guckt durch die leere Bahn. Und Sein Oppa sagt: „Moment mal!“ Und nestelt seine Lesebrille aus dem Etui aus der Lederweste. Die Sonne kriecht jetzt schon ganz heiß über des Tigers Ellenbogen, an der Fensterscheibe.

Da guckt der Glatzköpfige schon steil am Tiger vorbei, nach oben auf die elektrische Anzeige und zieht die Oberlippe hoch und fängt schon an zu buchstabieren. Tiger liest dem Glatzköpfigen die Buchstaben von den Lippen ab, ganz konzentriert. „B. B!“

Da haut Sein Oppa dem Glatzköpfigen den Zeigefinger vom ausgestreckten Arm runter: „Nee, lass mich mal!“ Und fängt selber an. „B. Bbb. B!“ Und der Glatzköpfige gibt natürlich nicht nach und haut jetzt Sein Oppa den Arm runter.

So geht das dann eine ganze Weile hin und her. Tiger denkt: Schade eigentlich! Denn der Glatzköpfige und Sein Oppa hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Und dann saßen sie plötzlich nebeneinander am Tresen, in der Wurstbräterei „Venus vom Kilo“.

Abb.: „Be In with the Out Kraut“ – Die Wurstbräterei von Venus vom Kilo einige Stunden vorher.

„Meeensch, Sein Oppa!“ hat der Glatzköpfige plötzlich gebrüllt, als er gesehen hat, wer neben ihm saß, und dann waren sie sich länger gegenseitig in die Arme gefallen. Erst auf dem Heimweg, als sie dann hinten in der Straßenbahn saßen, hat das angefangen, diese sinnlose Streiterei!

Und während die beiden sich weiter gegenseitig den ausgestreckten Arm runter hauen, dreht sich Tiger um und guckt über seine Schulter, geübt wie er ist, auf die Anzeige von seiner Lieblingsstraßenbahn:

„BETRIEBSHOF“

, blinkt da, gelb auf Matt. Da wird ihm so EINIGES klar!

* * *

Plötzlich geht ein Ruck durch das ganze lange Gefährt. Jetzt ist wieder Strom auf den Kupplungen drauf, ganz vorne und ganz hinten. Dann klicken alle Fahrscheinentwerter, durch den ganzen Wagen durch, und fangen innen an zu arbeiten, ratterratterratter. Tiger weiß genau: Da rotieren jetzt die Walzen, damit auf jeder wieder frische Stempelfarbe drauf ist, für die Fahrkarten! Dann fängt der Motor unten drunter an zu surren. Dann gehen die Blinker links und rechts, jeder Anfänger kennt dieses Klacken.

Der Glatzköpfige und Sein Oppa besinnen sich. Sie machen sich schick, ausgehfertig. Der Glatzköpfige zieht einen Kamm aus der Hosentasche, ohne Zinken. Er macht eine angestrengte Grimasse beim Kämmen, zieht den rechten Mundwinkel nach oben, als er rechts kämmt, und den linken, als er links weitermacht. Sein Oppa kramt eine Haarbürste aus seiner Westentasche und drückt den Handballen auf das Polster: alles weich! Andächtig führt er die Bürste von der Stirne nach hinten ins Genick, und seine Augäpfel folgen jedem Strich himmelwärts.

Genug! Das sitzt.

Der Glatzköpfige springt mit einem Ruck auf, als die Tür plötzlich aufgeht. Und hüpft aus der Bahn raus und klopft sich laut auf den Oberschenkel von seiner Jeanshose, als er sich zu Sein Oppa umdreht, und grinst wie behämmert.

Da sagt Sein Oppa, der jetzt in der Tür steht: „Glatzköpfiger! Du hast zwar ne Glatze, aber kein Kopp!“ Da bleibt dem Glatzköpfigen glatt das Grinsen stehen. „Ey und du hast gleich kein Gesicht mehr“, sagt der und dreht Sein Oppa mit seinen Fingern die Nase aus dem Gesicht. Aber Sein Oppa sieht: Das ist nur der Daumen vom Glatzköpfigen, was dem zwischen den Fingern zappelt!

Gutmütig versetzt er ihm einen Tritt in den Allerwertesten.

Oder …

Aber Tiger ist das eigentlich schon schnurz-piep-egal. Er ist auf einmal hundemüde und will nur noch schlafen und denkt: „Mensch, das war wieder ne aufregende Nacht!“

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