Seltsame Basteleien am S-Bahnhof Nordbahnhof

„Warum fotografierst n du das alles?“ Fragt die junge Frau ihren Freund. Auf japanisch! Sie sitzt auf dem Boden von dem Hotelzimmer in Memphis, und er fotografiert das ganze Zimmer. Die beiden kommen den langen, weiten Weg über den Ozean und die breiten, staubigen Straßen bis nach Memphis/ Tennessee, wegen Elvisu und Carulu Perukinsu und den Sun Studios. — Und er sagt dann irgendwas wie: „Alle fotografieren alles. Nur die Hotelzimmer, die fotografiert keiner! Und die vergisst jeder.“

Und das stimmt! So was vergisst man. Wie Asphalt Tiger total vergessen hat, was der Junge mit den dicken Sohlen da genau gesagt hat. Oder, beziehungsweise: Komisch, er hatte gedacht: Da sind Untertitel in dem Film „Mystery Train“ von Jim Jarmusch.

Jedenfalls: Denkt der Asphalt Tiger: In ein paar Jahren weiß keiner mehr, wie es aussah am S-Bahnhof Nordbahnhof, bevor da all die gesichtslosen Kerker hochgezogen wurden, in denen all die Leute mit den kraffattengeschnürten Kehlköpfen und höhergelegten Stahlwaden arbeiten, die jetzt schon alle U-Bahnen verstopfen.

In ein paar Jahren weiß auch keiner mehr, wie all die abgefahrenen Baustellen aussahen, die da waren, wo jetzt die ganzen kahlgefegten Bürgersteige platt und spiegelnd daliegen, von all den Ledersohlen poliert, von all den Pfennigabsätzen malträtiert.

TIGER, DEIN AUFTRAG: Halte das fest für die Ewigkeit! Die Poesie … Die Poesie der Straße.

Die Poesie … Dem Unwissenden, dem Ahnungslosen hermetisch verschlossen. Und auch Asphalt Tiger fühlt sich ausgeschlossen. Immerhin: Die meisten hasten einfach vorbei, ohne überhaupt zu vermuten, was hier gespielt wird, geschweige denn: DASS hier überhaupt etwas gespielt wird.

Die Spieler: Was haben sie zur Verfügung? — Einige wenige Elemente. Bunt. Einfach. Einprägsam. Sie sind rotweiß. Gelb. Blau. Silbern. Grün. Einige wenige Formen. Einige wenige Funktionen: Verweigern. Erlauben. Sanft schubsen. Hier nicht. Da schon. Da weiter. Da hoch. Stolz, gerade: HOCH! Da rein. Runter. Stop! Gehen! Drehen. Raus. — Die Spieler: Was machen sie aus dem Wenigen? — EINE EIGENE WELT!

Ein elitäres Spiel! Kennt wer die Spieler? — Nein. Gut verborgen vor der vulgären Öffentlichkeit, gehen sie ihr sublimen, raffinierten Kunst nach. L’art pour l’art. Sie behaupten, einfach so, eine Frechheit: Die Autonomie ihrer Kunst, die vollkommene Freiheit von den Zwängen des Gewöhnlichen!

Geld verdienen damit: I wo! Sie haben sich damit abgefunden, ungepflegt, zerrupft, ihr brauner Hals im kragenlosen Kragen … ABER SIE SIND FREI!!! Sie setzen das Ätherische gegen die Solidität des dumpfen Bürgers.

Ja, ja! Das SIND schon welche! Nur die wenigsten begreifen, was hier geschieht: ein selbstreferentielles Spiel, sapientis sat („nur der WISSENDE weiß“), und die Signifikanten gleiten schwerelos über den Signifikaten hinweg, denn: wer braucht die schon? Was bedeutet schon Bedeutung? Hier haben wir es: das reine Zeichen!

Was natürlich keiner versteht! Tiger kratzt sich am Hinterkopf: ER VERSTEHT NIX! Was bedeutet das? Vertikal die Bake, Plastik in rotweiß, gelbe Leuchte verstummt. Blaues Rohr über der Straße. Blaues Rock knick nach unten. Blaues Rohr knick. Blaues Rohr in dünn. Der Bagger. Das dünne Drahtgeflecht. Das Dixi Klo. Das raue Holz rund um den von Hitze fest gebackenen Erdhügel-Muffin: Archaik und Urwelt. Die glitzernde Leitung: SciFi-Moderne. Die trauernde Laterne. Das rostige Schuttgrab.

Wie? Was? — In des Tigers Kopf geht so langsam alles kreuz und quer. Die Bauarbeiter treiben hier ein irres Spiel mit der Kombinatorik, und der Tiger versteht rein gar nichts mehr. Aber GIBT es da überhaupt etwas zu verstehen? Oder ist vielleicht alles, was es ist!

Kanaldeckel. Gulli. Die Tiefe. „You need a mess of help to stand alone.“ Doch Tiger schaut ins Weite! Es geht immer so weiter! Und da vorne ist immer Licht!

Das ist das Städtische! Da ist immer Bewegung! Kaum war man an einem Ort länger nicht mehr, und schon ist alles anders. Und Tiger findet das auch gerade ermutigend: dieses Spielerische. Das man da auch denken kann: Bauen die da jetzt massiv Beton hin, für die Kraffatten und Stöckelschuhe. Aber wenn Du das nächste mal hier vorbei kommst, ist alles schon wieder zerbröselt.

Und es wird geplant und geplant und geplant! „Weiter so!“, denkt Tiger.

Das sind schon wieder neue Geheimnisse: Eine Schrift, die keiner versteht. Außer die Bauarbeiter! Die wissen, wie man die Unsichtbare Welt in die Sichtbare Welt transformiert! — — —-  Na klar: MIT ZEICHEN!

Die natürlich wieder keiner lesen kann. Aber: „Who cares?“

Tiger findet: Die Welt muss etwas von ihrem Geheimnis bewahren! Damit man immer neugierig bleibt!

Wo das alles hinführt. Wo das alles endet. Wie das alles weiter geht! Heute und am nächsten Tag. Ganz offensichtlich oder offensichtlich ganz im Verborgenen. Und wie da Neues dazu kommt. Erst noch draußen ist: Hannibal ante portas.

Und weil das alles größer wird und sich ausdehnt und sich ausweitet: diese Welt von Bedeutungen, oder von Zeichen, oder von beiden, und auch das einbegreift, was eigentlich nicht dazu gehört, was irgendwie fremd schien, aber jetzt auf einmal schon … ist das mitten drin! Asphalt Tiger denkt: „Der Wahnsinn … “

Und zwischen Allem und Jedem diese sphärischen wie unterirdischen Verbindungen. Und Vibes.

„Geile Sache.“, denkt Tiger.

Aber jetzt ist es Zeit, nach Hause zu fahren. Die Sonne geht bald unter, und da kommt auch schon des Asphalt Tigers Lieblingsstraßenbahn.

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