Alles selber machen

Abb.: Seltsam! Die Welt ist heute voller Streifen! Erst auf der Straße, dann die Hauswände hoch. Wo soll das nur hinführen?

Da sind sie wieder! Stehen stumm an der Ecke. Asphalt Tiger findet sie heute ein bißchen, naja, schlicht. Gar nicht so gefährlich wie sonst. Staunend wie sie da stehen, mit offenen Mündern.

‚Da schau her!‘ Denkt Tiger. ‚Der eine ist kleiner als die anderen!‘ Der Jüngste. Er wendet sich den Großen zu und fragt dumm. Wie die Welt so ist? Die Großen schauen ihn fragend an: „Die Welt ist einfach!“

Da traut sich der Tiger näher. Schritt für Schritt, mit Pausen dazwischen. „So welche sind doch nicht gefährlich!“‚

Ja! Es ist eine kleine Welt hier, alles ist ganz einfach. Denn: Was braucht man alles? Irgendwas, was wärmt. Und was nachts Sicherheit gibt. Was immer verlässlich da ist. So von oben her: strahlt. Jedenfalls: braucht ja wohl jeder was, was den trüben Alltag in ein sanfteres Licht taucht. Und jeder sollte so was haben! So was ist für alle da!

In den Wohngebieten unserer Stadt. In den überschaubaren Vierteln. Tiger seufzt: „So lebt jeder hier in seiner eigenen, kleinen Welt!“ Alles ist ordentlich und aufgeräumt, und tagtäglich geht die Versorgung klar. Tiger sieht orange: Da kommt der Müll hin. Und grau: da fließt der Strom raus. Und rot-blau: Da gehört was hin und da darf man keine Sachen liegen lassen. Und weiter als bis da kann man gar nicht gucken.

Doch was man nicht sieht: Vieles geht unterirdisch weiter. Tiger legt sein Ohr an die graue Box und es brummt und rauscht — wie von ganz weit weg!

Wo kommt der Strom her? Wo geht der Müll hin? Wer plant die Schilder der ganzen Welt?? Tiger hält den Atem an: Die Netzwerke unserer kleinen Lebenswelten, unterirdisch gehen sie weiter durch die ganze Stadt, ein riesiges Geflecht, und viele haben damit zu tun, die wir gar nicht kennen. (Und ohne diese tolle Spielzeug von Bruno Latour hätte der Tiger sicher auf so was nie geachtet!)

* * *

Ja, und natürlich die Straßenbahnen und die S-Bahnen! Durch die ganze Stadt gehen die! Bis nach draußen, Strausberg, KW, Oranienburg. Auch das fällt Tiger schlagartig ein: „S-Bahn – Abschalten!“, haben die jungen Leute mit den bunten Haaren vorgestern gesagt, und nach einem lauten Knall am Ostkreuz ging dann erst mal nichts mehr!

„Wow!“, denkt Tiger. „Was für ein Ereignis!“ Den Alltag außer Kraft setzen! Alles ist heute anders! Neue Experiences: Es geht auch ohne Alltag! —

Doch Tiger stutzt: „Da stehen die Leute stundenlang aufm Bahnsteig rum. Wo ist denn da der Vorschein auf die bessere Welt? Leute langweilen und ärgern ist keine Kunst (Adorno)! Denn Langeweile und auf die Uhr gucken und schimpfen ist doch sowieso Alltag von den meisten Leuten?

Abb.: Alltag heißt für viele Leute: Monotonie. Langeweile. Und vor allem diese Wiederholungen!

Tiger träumt: Die wollen Abenteuer! Vielleicht müssen die Leute erstmal „abgeholt“ werden, da wo se sind! Und „mitgenommen“ werden!  Und dann läuft das ganze wie von alleine.

Die S-Bahn schwebt in den Bahnhof ein wie auf einer Wolke! Es quietschen die Stahlreifen auf den Schienensträngen, so dass es qualmt. Tiger lehnt sich locker aus der Fahrerkabine raus und jubelt den Leuten auf dem Bahnsteig mit seiner Che-Guevara-Bahnschaffnermütze zu. Er markiert heute voll den Macker. Die Leute jubeln laut und schwenken ihre Fahnen: „He! Der Tiger hat die S-Bahn entführt!“ —

Ja! Der Tiger hat seinen Traum wahrgemacht: Er hat eine S-Bahn entführt. Der Tiger schlägt vor: „Los Leute! Wir scheißen auf die Normalität! Wir machen jetzt einen Ausflug ins Grüne!“ Und die Leute bilden dann schnell Bahnfahrer-Räte oder so und beschließen einstimmig: „Ja! Ins Grüne! Nach Grünau! Da liegen schon Gleise hin!“ Da wollen se dann noch die Leute aus dem Auffanglager abholen, die haben auch schon lang keine Sonne mehr gesehen.

Ja. Und dann fahren sie gleich los, die ganze S-Bahn ist proppevoll, aber alle sind total dope drauf, sowas hat die Welt noch nie gesehen, und nach und nach schließen sich ihnen dann noch andere S-Bahnlinien an, und natürlich fahren sie auch Rennen und starten Überholmanöver, auf dem langen Weg nach Grünau runter, aber sie haben das Gefühl: „Eigentlich sind wir alle Gewinner!“ Und Tiger denkt, ja stimmt, die neue Community entsteht sofort, schon mittendrin in der Revolution.

Zwischendurch machen sie dann noch mal Halt am S-Bahnhof Ostkreuz. Da kann dann, wer halt will, nochmal umsonst über Vodafone anrufen, z.B. beim Scheff: „Er kann mich mal!“ Oder bei den Lieblingspeoples, dass sie noch ne Liegedecke und Badezeug mitbringen sollen.

* * *

Ja. Denkt Tiger. Und wenn man dann zurück ist, muss man natürlich auch lernen, wie das alles geht! Denn alles muss man jetzt selber machen! Nicht nur immer kaputt machen. Auch reparieren, und warten, und ganz neu bauen! Das sind auch ganz neue Experiences.

Tiger geht dann erst mal in seinen Lieblingsbaumarkt, den gibt es noch, aber jetzt ohne Kassen, und da kauft er erst mal, aber natürlich ohne Geld, eine Menge Sachen ein, damit er erstmal lernen kann, wie das alles geht!

Zuhause in seinem Hobbykeller packt er aus: Ein Chemiebaukasten! Ein Lötkolben! Einen Elektrizitätsbaukasten! Den Atomkraftkasten hat er da gelassen, den will er nicht.

Ja! Elektrizität! Damit fängt er erstmal an. Irgendwomit muss man ja anfangen! Er faltet die Bedienungsanleitung auf. Es knistert. Erst mal will er das S-Bahnnetz nachbauen, in 1:10. Es klappert leise. Der Schraubenzieher dreht sich fast unhörbar.. Nacht sinkt über Weißensee, und Tiger schiebt sich die Che-Guevara-Bahnschaffnermütze tiefer in die Stirn… Der Tiger tüftelt und tüftelt…. Unermüdlich schafft er sich den ganzen Scheiß druff….. Es ist für die Gesellschaft, denkt er…… Und wieder ein Schräubchen drangedreht…… Draußen in Weißensee gehen die Lichter in den Fenstern und auf den Straßen an. Der Tiger ist ganz versunken über seinem Elektro-Kasten. Und schraubt und schraubt und schraubt.

Plötzlich: Kkkkkrrrrrrzzzzzz! „Ein Kurzer!“

Ganz Weißensee ist dunkel. Auf einen Schlag.

„Naja!“ Tiger zuckt mit den Schultern. „Anfängerpech!“


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