Quiet Village


Es war ein herrlicher Tag! Darum hat Asphalt Tiger einen kleinen Ausflug gemacht. Nach Neukölln! Neukölln ist ein angesagter Bezirk in Berlin, und da musste natürlich Tiger auch mal gucken, was da so los ist.

Es war herrlich! Erst ist Asphalt Tiger mit seiner Lieblingsstraßenbahn gefahren, dann ist er umgestiegen und U-Bahn gefahren. Vorsicht an der Bahnsteigkante! Das war aufregend. Als Tiger wieder Tageslicht gesehen hat, musste er nur noch über die Straße gehen, dann war er schon da: in Neukölln.

Doch Straße überqueren: war das da eigentlich einfach? Als Tiger da so stand, am Straßenrand, und wartete, hörte er den Verkehr vorbeirauschen: „Nnnnneinnn… Neinnnnnn… Nnnneinnnn….“

Hahaha! Ein guter Witz! Hatte ihn der Tiger nicht neulich schon mal gemacht? Aber doppelt hält besser.

In Neukölln war dann alles wunderschön. Der Wind blies leicht, die Sonne schien. Und was es da alles zu sehen gab! Und so viel Trubel! Und so viele Menschen! Tiger hatte ja schon davon gehört: allerlei Partyvolk und flippige Leute, mit den wildesten Frisuren, waren jetzt hier. Tiger kriegt den Mund nicht mehr zu vor Staunen.

Abb. 1: Wenn an heißen Tagen der Fön nur funktioniert, ist schon alles im Grünen Bereich.

Alles war irgendwie bunter, farbiger, peppiger, stylisher, freakiger als in Weißensee, am Weißen See. Ja ja, die Kreativen … Überall musste Farbe hin. Tiger findet das gut (würde aber keine Oma zurechtweisen, die deswegen schimpft).

Abb. 2: Diversity Quartiersmanagement. Kreativität ist hier eine endlose Ressource. Geil. 

Das war schon ganz schön verwirrend, für den Tiger. Da schwirrte ihm der Kopf. In Weißensee gab es das alles nur in Grün wie Wiese, Weiß wie Weißensee und Braun … na ja, wie die Idioten am Antonplatz. Thor Steinar und so. Und Tiger war grad froh, dass er da mal raus war aus der Ecke, da fand er auch in Neukölln schon ein Plätzchen, wo er sich ganz wie zu Hause fühlte. Das war schon irre, einfach unglaublich!

Abb.3: Alles wie gewohnt. Vorsicht: Kein Fußbreit den Faschisten!

Und es war fast wie im Sommer.

Dann ist Tiger mit dem Bus gefahren, denn im Westen Berlins gibt es keine Straßenbahnen. Das war aber nicht so schlimm wie gedacht.

Trotzdem! Auch wenn alles so schön war: Manche Menschen guckten hier so traurig! Warum? Einige hatten grüne Kittel an, da stand dann „Be quit“ drauf. Was bedeutet das? ‚Wir sind quitt?’ —  ‚Wir sind fertig miteinander?’ Und weil es so viele waren: ‚Wir sind alle fertig miteinander?’ Oder war das eher Englisch: Be Quit — ‚Verlassen sein’ Oder so: ‚Alle verlassen sein’?

„Be quit“ hat der Tiger dann auch auf einigen Schaufenstern gelesen. Ist das vielleicht so was wie Saturn oder Kaufhof, nur in Klein? Oder Siemens oder Mercedes, nur in einfach? Heißt das: ‚Wir sind alle verkauft?’ Tiger war sich nicht so sicher.

Und als er wieder zu Hause war, schaltete er erst einmal den Fön auf seinem Schreibtisch an, wegen dem Klima, und dann den Computer, und dann klicker klicker klicker: spuckt Google die Ergebnisse aus. Für „Be Quit Neukölln“. Da muss Tiger nicht lange suchen:

Tatsächlich! Be quit ist tatsächlich so was wie Mercedes. Oder Media Markt. Oder die andern großen. Geht stark in Richtung Monopolist. Aber nur in Neukölln. Für 1-Euro-Jobs! Und zwar für alle, die man sich vorstellen kann. Clever, clever, die Produktpalette. Und wer in Neukölln so was machen will oder muss, muss zu Be quit! Da führt (kaum ein) Weg dran vorbei! Krasse Scheiße.

Aber was den Tiger fast noch mehr aus dem Konzept brachte: Gibt er „Be Quit Neukölln“ ein … Und der Suchdienst fragt ihn frech: „Meinten Sie vielleicht Be quiet Neukölln?“

BE QUIET NEUKÖLLN!

Asphalt Tiger hält sich so stark an seinem Lesesessel fest, dass seine scharfen Krallen durchs Polster dringen. Be quiet Neukölln. Was sind das für Leute, die diesen Lärm stoppen wollen!? Dieses lebendige Durcheinander freakiger, abgespaceter Stimmen?

Abb.4: ‚Individuelle Hörlösungen‘. Die Creative Industry der Immobilienverwalter hat an alles gedacht. Hier: Kreativer Lärmstopper für den Nachbarschaftskrach in peppiger Do It Yourself Ausführung. Kostet natürlich …

Irgendwie waren das alles Wohnungsannoncen. ‚Suche Wohnung‘, ‚Wohnung Angebot‘. ‚Wohnung kaufen‘? Für 36.000 Euro!? Dann merkt Tiger: das Angebot ist locker drei Jahre alt! Heute: locker das doppelte, sicher. ‚Wohnung, Wohnung, Wohnung‘. ‚In ruhiger Lage‘. ‚Ruhige Seitenstraße‘. Natürlich auf englisch (Aber wenn alles ruhig ist, wird man das nicht mehr raushören). Denn Quiet heißt The New Ruhig.

Und dann denkt Tiger: Alle reden vom Postfordismus, Kreativwirtschaft statt Industrie. Leben und Arbeiten und Feiern in einem Kiez! Aber das kriegen die Leute NUR GANZ KURZ hin! Nämlich im Traum! Und dann ham se wieder die fordistische funktionale Trennung von Arbeiten Shoppen Saufen Schlafen nach Wohngebieten.

Wenn’s irgendwo laut ist, wollen sie alle da hinziehen. Wenn sie da wohnen, wollen sie’s ruhig. Dann ist es zu ruhig und wo anders laut. Dann wollen se wieder da hin. Und so weiter und so fort. Tiger stellt sich die Stadt als einzige Lärmpegel-Landschaft vor, und überall gehen die grün-gelb-roten Lärmbalken schnell hoch und runter, wie beim Tekkno-Mischpult. Prenzlauer Berg ist jetzt ganz runter. Voll im grünen Bereich. Magnet – zu laut. Rot Rot Rot. Zu! Knaack Klub – zu laut. Zu! Icon – zu laut. Fast zu. Grad mal Glück gehabt. Neukölln ist jetzt ganz oben: voll laut!

BE QUIET NEUKÖLLN!

Tiger kriegt das kalte Grausen. Tiger denkt: Nee, schuld sind nicht die Freaks mit den bunten Haaren … DIE REGIERUNG IST SCHULD! UND DIE IMMOBILIEN!

Wow, das saß!

Tiger würde jetzt gern dem Senat ans Bein pissen, aber der hat davon viele. Und Tiger muss auch grade nicht. Aber Tiger denkt: Wenn die Werbung machen, dann mach ich die auch. So Richtung Stadtmarketing. So SEI BERLIN … BE BERLIN.

Und Tiger denkt: Wie schön das war, Anfang der Neunziger der Spruch: Deutschland Halt’s Maul! Das stand auf der Betonwand neben Asphalt Tigers Schulbushaltestelle. Tiger schlenkert seinen Turnbeutel und grinst.

Und Tiger denkt: Ja genau!

BE QUIET, BERLIN!

Das sitzt! (Ist sich Tiger nicht ganz sicher. Hat Tiger richtig übersetzt? Oder. Was meint er eigentlich?)

„Also, ich meine, Stadtmarketing mäßig. Und Immobilien mäßig. Die verdienen sich ne goldene Nase an den Freaks!“, spricht Tiger direkt ins Bild und wird dann ausfällig. Tiger verschwindet jetzt erst mal.

Abb.5:  Tiger ist heute sehr mutig und macht illegalen Scheiß, aber eigentlich nur als Plagiat. Wie andere Mutige, hier und in der EU. Ein Glück für ihn: Tiger verabscheut Obstsymbole von ganzem Herzen. Tiger sagt wie gesagt: Peace!


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