Jessica und der Wind

Tiger kriegt Angst. Da steht seine Lieblingsstraßenbahn und fährt nicht weiter. Vielleicht ist es nur eine rote Ampel. Vielleicht, vielleicht … Der Wind kommt von seitwärts. In Böen. Tiger blickt aus dem Fenster. Eine Wolke in schlichtem Grau franst aus. Gewitter im Anzug?

Die Frau vor ihm telefoniert mit ihrem Handy. Jessica ist letztes Wochenende vom Stuhl gefallen. Sie hat sich die Lippe aufgeschlagen.

Tiger ist verwirrt. Er versteht nicht recht, was die Frau jetzt erzählt: Hat sich Jessica die Lippe so richtig durchgeschlagen, so dass die Frau die Zähne durchgesehen hat durch die Lippe, oder konnte man nur den Zahnabdruck sehen, auf der Lippe? Die Frau redet sehr schnell. Asphalt Tiger sieht nicht, wie.Denn Asphalt Tiger kann nur ihren Zopf sehen, der stramm am Hinterkopf hängt, und den Kragen von ihrer weißen Fleece-Jacke, und ihren stabilen Hals. Hören kann er sie deutlich. Aber verstehen ist was anderes.

Die Frau sagt, sie hat geblutet wie verrückt, die Jessica. So viel Blut, da sei ihr davon schlecht geworden. Jetzt fährt sie zu Jessica ins Krankenhaus. Ein Glück, Jessica ist nicht dabei! Denn Asphalt Tiger kann kein Blut sehen. Als das passiert ist, hat sie Jessica ins Krankenhaus gefahren. Oder war es der Arzt?

Die Straßenbahn steht. Der Wind zerrt an den Zweigen vor dem Fenster. Der Wind wackelt an der Straßenbahn! Die Straßenbahn wackelt vom Wind! Das hat Tiger noch nie erlebt. Sie stehen jetzt nahe Alexanderplatz. Asphalt Tiger erschrickt: hoffentlich kommt jetzt keine Welle! Es zuckt ihm was durchs Gehirn: „Straßenbahn – Abschalten!“ Auf der Straße steht ein grünes Fahrzeug, und ein grüner Jeep steht um die Ecke. Polizei. Na, da kann ja nix passieren, wenn die da sind. Denkt Tiger.

„Ich bin jetzt Alex“, sagt die Frau. Tiger steigt aus.

Was macht Tiger jetzt? Er steht jetzt Alex.

Abb.1: Living in this City sometimes it is like a bad dream. Honsetely, all I want is live in Neukölln and be internatonal Artist. Like Goetti! Or Bob Ross. But Look: Here I am, Berlin Alexanderplatz.


KAPITEL II: DIE U-BAHN (BERLIN UNDERGROUND, 1989 – TODAY)

Asphalt Tiger nimmt die U-Bahn! Zur Abwechslung.

Asphalt Tiger liebt die öffentlichen Verkehrsmittel Berlins. Sie sind die einzige Gelegenheit, heute noch einen Haufen unterschiedlicher Leute zu treffen. Das heißt: eigentlich auch nur da, wo alle durch müssen: durchs Stadtzentrum. Außenrum: nur die rauen Ellenbogen des gefilterten Elends. Nahe dran: nur die gepflegten Ellenbogen der Etepetete. Und auch in des Tigers Lieblingsstraßenbahn ändert sich die Zweite-Klassenzusammensetzung rasant, wenn sie sich dem Alex nähert. In der U 2 kommen dann für einen Moment wieder alle zusammen.

Tiger spitzt die Ohren: Sobald die Leute den Mund aufmachen, sprechen sie davon: wer rein darf und wer draußen bleiben muss! Jetzt da, die beiden da vorne:

„Golden Gate, da kamen wir letztens nicht rein. Obwohl wir Fiftyfifty waren. Andere Läden machen das so. Ritter Butzke zum Beispiel. Die machen das nach Uhrzeit. Wenn da nur Mittzwanziger reinkommen, ist das auch langweilig. Die sind so gesetzt. Deswegen kommen da zu bestimmten Zeiten nur Leute bis 21 rein.“

Zwei Bürschchen in Anzügen und Lackschuhen unterhalten sich da!

„Kennst du schon die Rum-Bar in Charlottenburg?“
„Ach, das ist der Laden mit Klingel?“
„Da musst du reservieren. Es gibt Mai Tai Stufe eins bis vier. Neulich hatte ich Stufe zwei. Da bist du gleich hin.“

Schon wieder diese Schichtungen!

„Toll.“
„Da kommt man natürlich nur mit Anzug rein.“

(Tiger mag nur Anzüge mit Streifen. Aus Fell. Die andern sind für die Pissnelken)

„Neulich war ich mit einem Strafrechtler unterwegs. Der hat mir die TOLLSTEN Läden gezeigt!“

Jetzt rafft Tiger: Das sind JURISTEN! Ein wilder Haufen, das! Und natürlich: Strafrechtler erleben den Reiz des Verbotenen ganz anders als so ein Tiger. Viel intensiver! Mann, ist das toll, ist das spannend für die, das Berliner Nachtleben! Ein Blick in den Abgrund.

Tiger stellt sich das vor: Ganze Horden von Strafrechtlern fallen ein, um die illegalen Clubs der Stadt aufzumischen.  Grüppchen von Strafrechtlern konsumieren verbotene Substanzen auf den Klos der illegalen Clubs. Strafrechtler gehen in das Casino und spielen 17 und 4, aber alle unter 21.  Herr Ober, einen Cognac auf Bewährung! Strafrechtler knocken sich selber aus.  Strafrechtler schießen sich die Lichter in der  Schattenwirtschaft aus.

JA SO SIND SIE, UNSERE GESELLSCHAFT!

Tiger wirbeln die Gedanken im Kopf herum, er kann nicht alle davon verstehen, geschweige denn festhalten.

Am nächsten unterirdischen Verkehrsknotenpunkt steigt der Tiger aus, der eine Jurist schwingt an der Haltestange zur Tür raus und verschafft sich noch einmal einen Überblick über den Bahnsteig, rein strafrechtlich, bevor es weitergeht zum nächsten Abenteuer.

Auf dem Weg ins Licht wird der Tiger von einer Horde Schülerinnen und Schülern in Jack Wolfskin Jacken, Chucks und Zahnspangen überrannt. Er kriegt eins mit einem grünen Adidas-Beutel übergezogen. Tiger ist erleichtert: Hier ist alles wie immer.

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