Die Steinerne Stadt

Asphalt tigert am Hackeschen Markt rum. Es ist Nacht. Es ist dunkel. Kein Mensch hier.

Früher war hier alles anders! Viel lebendiger irgendwie. Asphalt Tiger erinnert sich an den Zirkus, der früher auf der Wiese direkt am Hackeschen Markt residierte. Da, wo heute die Seniorenresidenz ist, und die ganzen Geschäfte mit dem Flitterkram. Tiger mag keinen Zirkus, aber das hohe Gras drum herum war einfach herrlich.

Mitten in Mitte. Da war ein Leben! Und heute?

Asphalt Tiger stellt eine Tendenz zur Versteinerung fest. Alles wird hier zu Stein. Außer Tiger. Er kriegt keine versteinerte Miene heute mehr hin und lacht sich erst mal schlapp.

Alles wird Stein! Das hatte Tiger schon vorhin gedacht. Da ist er zu seinem Lieblingsbäcker, und der hat ihm eine Scheibe von seinem Lieblingskuchen abgeschnitten.

Asphalt Tiger hat den Lieblingskuchen seiner Kindheit wiederentdeckt. Sandkuchen. Marmorkuchen. Mit Schokoguss und Krokant drauf. Sein Lieblingsbäcker hat bestimmt zwei Meter davon in der Auslage.

Er schneidet dem Tiger ein Stück ab. Tiger passt gut auf. Das dicke Stück fällt unter dem Messer des Bäckers, er bettet es sanft auf eine glatte, weiße Unterlage und deckt es mit dünnem Papier zu.

Der Tiger geht aus der kühlen Höhle der Bäckerei raus in das strahlende Tageslicht. Hach, wie schön! Auf der nächsten Parkbank legt er vorsichtig das dicke Stück Kuchen unter der Papierhülle frei.

„Hm lecker! Marmorkuchen!“

Mit seinen scharfen Zähnen beißt der Tiger voll in das Stück rein.

Doch was??

Die eine Seite von dem Stück Kuchen ist hart wie Stein! Nur die andere ist so weich, wie Tiger es liebt. Sie duftet. Die andere nicht. Die war wohl zu lange dem hiesigen Klima ausgesetzt. Der Zahn der Zeit hat an ihr genagt, und sie hat sich verhärtet. Tiger wünscht sich ein Stück Marmorkuchen mitten aus dem zwei Meter Marmorstück, weich und duftend auf beiden Seiten.

Doch Tiger ahnt: So einfach geht das wohl nicht! Da muss er sicher mit Widerstand rechnen. Da sagt man ihm: Immer der Reihe nach! Stück für Stück geht das nur. Immer schön langsam. Langsam wird alles zu Stein. Stück für Stück wird alles zu Stein. Tiger fällt es ein: Diese Tendenz zur Versteinerung – das nennen sie hier …

<<<DAS NENNT IHR FORTSCHRITT!!>>> — — — — ?

Tigers Schrei zerfetzt die Luft. Die Amsel zetert und fliegt woanders hin.

Tiger seufzt. „Muss das wirklich sein?“ Tiger setzt sich auf die Stühle auf dem Foto. Doch dann denkt er: Lieber nicht. Nicht hier. Hier ist es viel zu dunkel.

Tiger setzt sich auf die Bank an seinem Lieblingssee. Er hat das Stück Marmorkuchen jetzt aufgegessen und wischt sich die Krümel vom labbrigen Pulli. Warum eigentlich?

Tiger blickt ins Wasser. Da schwimmt schon der erste. Tiger hat ihn vorhin mit seinem labbrigen gelben T-Shirt und Sandalen an den See rantrotten sehen. So Zeug zieht man nur an, wenn man schwimmen will. Tiger will auch. Tiger guckt auf seinen Pulli: geht nicht.

Tiger denkt: Wasser! Badestrand. Und: die Steinerne Stadt ist auch nur auf Sand gebaut.

Am weißen Strand vom Weißen See denkt das der Tiger. Vögel fliegen über den See. Tiger winkt ihnen zu. Er beschließt: „Hier werde ich meine Sandburg bauen!“ Er ist jetzt glücklich.

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