Asphalt Tiger wird Zeuge eines schrecklichen Ereignisses

Keiner hatte Tiger Bescheid gesagt, geschweige denn ihn eingeladen. Zu dieser geilen Party in Mitte. In diesem neuen Club, von dem Tiger noch nie etwas gehört hatte. Ein rauschendes Fest. Jetzt steht Tiger vor verschlossenen Türen und kommt nicht rein. Keiner reagiert auf sein Klopfen. Was tun? Tiger bleibt nichts anderes übrig, als seine Nase am Fenster platt zu drücken. Der Luger.

Die dancen alle. Alle sehr schnieke! Tiger schaut an sich runter. Da hätte er gar nicht reingepasst, da wäre er nur unangenehm aufgefallen, so wie er heute rumläuft, alte Turnschuhe und zotteliges Fell. Alles sehr ete petete. Wie überhaupt heute so gut wie alles in Berlin Mitte. Leute, wenn ihr auf so was steht: geht hin! Berlin Chausseestraße ist das. Ist kein Geheimnis!

Jedenfalls: die Leute da drin are having fun, amüsieren sich. Kein Ton dringt nach draußen, Tiger fürchtet, da läuft grad Roxy Music drin, irgend eine langsame Nummer,  irgendwie unterkühlt, aber auch ein wenig acidig. Alle tanzen und sehen dabei unglaublich vornehm und blasiert und gelangweilt aus.

Die Ladies: sanfte, geschmeidige Bewegungen, als ob sie über dem Boden schweben! Sehr majestätisch. Ein Song folgt dem nächsten, und die Ladies tanzen, die würden sicher die ganze Nacht so durchtanzen, und Tiger wird grad schon etwas langweilig da an der kalten Glasscheibe, da passiert plötzlich etwas ganz Furchtbares.

Ein Mord! Tiger ist vielleicht der erste, der das entdeckt. Er würde sagen: ein eiskalter Mord! Hinterrücks! Drei Messerstiche durchdringen den Tüll, die Haut, gehen tief. Tödlich. Noch hat es keiner entdeckt, noch steht die Gemordete. Sie wird den ganzen Abend damit verbringen, mü um mü umzusinken, unmerkbar immer mehr. Doch schon hat der erste Partygast entdeckt, was da Ungeheuerliches geschehen ist:

„Keiner verlässt den Raum!“ Tiger bewundert die Kühnheit, mit der diese Frau die Situation in den Griff kriegt. Eine herrische Geste – die Beweisaufnahme beginnt.

„Wer tut so etwas Schreckliches!?“ Mutlos lässt die Prinzessin im weißen Kleid die Arme sinken. Ihre Nachbarin ist da schon etwas gefasster. Ein Motiv! Der Täter muss ein Motiv haben!

Die versammelte Party Crowd verfällt in angestrengtes Nachdenken. Jetzt erst merkt der Tiger, dass jemand die Musik ausgeschaltet haben muss. Kein Ton ist zu hören! Kein Brian Ferry, aber auch nicht das aufgeregte Flüstern der Menschenmenge im Ballsaal. Die beratschlagt: Was tun?

Und schon bemerkt der Tiger, wie die festliche Menge in einzelne Teile zerfällt, Menschen, die sich gegenseitig belauern, argwöhnisch mustern und beobachten. Aber natürlich: Es sind immer die Andern! Die, die sowieso nicht dazu gehören: auf die fällt der Verdacht zuerst!

Die Frau da hinten, die, auffällig unauffällig im Abseits, allein an ihrem Tischlein sitzt?

Böse Blicke fixieren sie: Eine graue Maus! Was will die hier? Die ist sicher neidisch – ein Motiv! Tiger nimmt sie in Schutz: Der frische, gesunde Teint des Mädchens aus der Provinz hebt sich wohltuend ab von der Blässe dieser Nachtgestalten. Es ist ihr erster Ball, sie ist noch etwa schüchtern.

Oder war es diese junge Dame, die so aussieht, als ob sie, um jeden Preis, koste es was es wolle, ihre Flucht bewerkstelligen wolle? Weiß sie überhaupt, dass sämtliche Türen im Raum fest verschlossen sind?

Nein! Denkt Tiger. Dieses zauberhafte Wesen hält den lastenden Druck einfach nicht mehr aus, den diese geschlossene Gesellschaft ausübt. Diese Steifheit, diese Konventionen! Ihre Spontaneität erregt den Unmut der Menschen, die gelernt haben, sich stets und immer unter Kontrolle zu haben. Solche Leute sind doch schrecklich, oder?

Oder ist es dieser seltsame Fremde im Frack? Schon fühlt er sich ertappt, wird rot im ganzen Gesicht und blickt dann verwirrt und irritiert hin und her — offensichtlich etwas kopflos! Da, jetzt fasst er sich wieder, versucht Haltung zu bewahren.

Nun: Der wirds sein! Schließlich ist er der einzige Mann im Raum! Ist euch das eigentlich auch schon aufgefallen? Das ist doch schon sehr verdächtig!

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