Ein langweiliger Tag am See

„Wieder mal voll tote Hose hier am See“, denkt Asphalt Tiger, als er wieder weggeht. Böen fegen über den Weißen See, in Weißensee, Berlin. Das Wasser kräuselt sich, aber man kann nicht sagen: es schlägt Wellen. Dafür ist das doch wirklich etwas zu langweilig hier!

Heute wenigstens.

Wenn der Wind nicht so wehen würde, würde Asphalt Tiger jetzt noch viel mehr gähnen. Doch manchmal pustet er den Tiger unerwartet etwas in die falsche Richtung, und da muss der Tiger dann aufpassen und gegensteuern, und dafür ist er dem Wind dann aber doch dankbar. An diesem langweiligen Tag an diesem langweiligen See.

Das einzige, was heute los war:

Da sitzt Tiger so und schaut sich gerade die gekräuselte Oberfläche des Sees an. Ein dürrer Ast peitscht. Die Wolken wehen.

Dann kommen zwei Omas. Endlich! Rentnerinnen sagt man ja heute dazu. Und: „Man sieht Ihnen Ihr Alter gar nicht an!“ Der einen vielleicht schon: der mit der Brille und dem unsicheren Lächeln. Der anderen nicht: mit der massiven Frisur aus Bronze direkt über den Augenbrauen. Die beiden Seniorinnen (Seniorinnen!) setzten sich neben den Tiger auf die Bank.

Und kramen erst mal in ihren Taschen herum. Nein! Nicht kollektiv. Jede für sich. Dann stellen sie die Taschen neben sich. Ab. Die Bronze-Rentnerin hat jetzt eine weiße zerknitterte Plastiktüte in der Hand. Holt Krumen raus. Holt aus. Und wirft!

Die Enten kommen. „Ja ja! Fresst ruhig tüchtig! Ist Vollkornbrot! Ist gesund! Damit Ihr groß und stark werdet!“

Asphalt Tiger hält sich an den grünen Streben seiner Bank fest. Damit er nicht runter rutscht vor Schreck: Bio-Rentner!! In Weißensee!!

Abb.: „Kisses for me! Save your Kisses for me!“ — Der irre Typ vom Team Green sucht seine Alte

Dann holt die Bronze-Rentnerin eine 0,3 Liter Flasche Mineralwasser aus ihrer Tasche. Mineralwasser – ha! Und nippt in kurzen Schlücken. Die Silber-Rentnerin kriegt auch was ab. Kleine Schlückchen. Dann wird die Flasche wieder zugeschraubt und eingepackt. Jetzt fängt die Silber-Rentnerin an zu erzählen. Und erzählt und erzählt. Tiger versteht nicht alles. Alles etwas undeutlich. Immer undeutlicher. Die Bronze-Rentnerin holt derweil das Fläschchen wieder raus und vertreibt sich die Zeit. Irgendwann schweigen alle drei. Die Rentnerinnen gehen zuerst.

Wie langweilig heute alles ist!

Tiger steht auf und geht. Im Vorbeigehen sieht er: Aha, da sitzt er wieder, der Agent Provocateur. Auf der feuchten Parkbank im Schatten. Fett und verlebt, die Flasche offen neben sich.

Mit der schlaffen Hand

setzt er die Flasche an

seines Maules laschen Rand

das einzige was der Agent kann.

Oh Mann …


Tiger weiß: das ist Berndienst von Steinwurf!

Berndienst von Steinwurf … Der sitzt immer da, wenn es nicht zu stark regnet. Seine Jacke ist auf den Schultern schon ganz ausgeblichen. Und immer wenn eine Frau mit Kinderwagen vorbeikommt, fängt er an zu provozieren und ruft  ihr dreckige Zoten hinterher. So ungefähr: „Comet eine Män sun Sahnarzt.“

Ein Rotzebengel rast vorbei auf seinem 20er Fahrrad, spuckt aus und ruft: „Bein Sahnarzt! Du Aschloch!“ Berndienst furzt vernehmlich.

Ab und zu geht Berndienst von Steinwurf zum nächsten Busch, macht die Hose auf und holt seinen Wasserwerfer heimlich raus. Enttarnt sich gewissermaßen. Sodann schreitet er zur Tat: Unmittelbaren Zwang ausüben auf die Zweige des Busches. Die zittern unter der Gewalt seines Strahls. Tiger denkt: Was für ein dreckiger Job!

Abb.: Sleep well! Du verpasst heute nix!

Was für ein langweiliger Tag!

Tiger beginnt zu pfeifen, als er vom See weggeht: „If it takes forever, I will wait for you“ von Michel Legrand. Aus dem Film „Die Regenschirme von Cherbourg“ von Jacques Demy. Mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle.

„If it takes forever …“ Da kommt eine Oma auf ihn zu, auf dem Bürgersteig, mit Plastiktüten in beiden Händen, und plötzlich strahlt sie und zieht die Schultern hoch und formt aus ihrem Mund ein „O“ – als ob sie im Tiger einen alten Bekannten erkennt. Tiger ist etwas verwirrt und denkt: „Hm? Nur Tiger ist mit Tiger identisch!“ Und ist gleichzeitig entzückt. Was für eine liebe Oma! Tiger hat keine mehr.

Und die alte Frau kommt auf ihn zu mit ihren Plastiktüten. Und sagt: „Heute geht es mir gar nicht gut. Seit vier Tagen schon nicht. Das Gehen fällt mir schwer. Ich weiß nicht … Vor vier Jahren erst hab ich mir das Herz machen lassen, und jetzt geht es schon wieder nicht. Ich bin 84!“

„Oh! Das sieht man Ihnen gar nicht an!“, schmeichelt der Tiger. Sie strahlt. Aber wirklich! Sie hat wache blaue Augen und eine flotte graue Kurzhaarfrisur.

„Doch! Eben war ich im Krankenhaus, der Doktor macht Ultraschall. Hoffentlich ist alles gut. Ich will doch noch ein paar Jahre leben! Ich muss doch meinen Sohn versorgen! Dem haben sie jetzt ein Bein abgenommen. Den besuche ich jetzt!“

Asphalt Tiger drückt der lieben alten Lady die Daumen. Plötzlich ist alles nicht mehr langweilig, und das Leben ist eine Wildbahn und gefährlich, aber auch voll zärtlicher Zuneigung.

Abb.: Der nächste Morgen kommt. Und dann seet der See wieder aus wie eine Trinidad Steel Drum. Gebongt.

Abb.: Und manchmal sieht der See auch aus wie in Japan. Auf einer alten Wohnzimmertapete.

Alles ist Gut!

 

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