Tiger geht erst einkaufen und dann in die Natur

Neulich musste Asphalt Tiger eine neue Maus kaufen. Seine alte Maus war schon altersschwach, dann gab sie den Geist auf. „Wo kriege ich denn jetzt eine neue Maus her!?“ Dachte der Tiger. Traurig. Nach einiger Zeit ist dem Tiger eingefallen, wo.

Da war er schon lange nicht mehr: Saturn oder Media Markt. Jetzt hat er auch schon wieder vergessen, wo von beiden. Der Tiger.

Aber eingebrannt hat sich folgendes. Da geht der Tiger durch den Eingang und sieht, dass alles strahlend hell ist, da. Der Tiger fängt an, die Maus zu suchen. Es gibt sehr viel Zeug da, bei Media Markt oder Saturn. Alles aus Plastik. Bis zu zwei Meter hoch haben die Mitarbeiter da Zeug aus Plastik gestapelt. Tiger findet noch keine Maus und läuft herum.

Er gerät in eine Sackgasse. DVD liest er auf dem Schild da drüber. Alles Plastik. Wie das wohl stinkt, wenn das kokelt, bei der Apokalypse. Tiger denkt: wozu das alles? Können die Leute nicht alle gemeinsam einen Film gucken? Oder teilen? Tiger denkt: Eigentlich braucht man nur einen Film: Themroc.

Dann ist da eine Rolltreppe. Tiger fährt die hoch. Dann ist er im ersten Stock. Noch keine Maus. Tiger orientiert sich und merkt: die Mitarbeiter haben hier drei Stockwerke hoch Plastik gestapelt. Im dritten Stockwerk könnte sich die Maus versteckt haben. Für seinen Computer natürlich, die Maus! Im dritten Stockwerk angekommen, steht da: Computer.

Tiger findet immer noch keine Maus. Er sucht und sucht, zwischen dem ganzen Plastik. Keine Maus! Unwirsch fragt er einen Mitarbeiter: „Wo ist die Maus!“ Vielleicht etwas zu laut. Jedenfalls guckt ihn der Mitarbeiter an, verständnislos und frech. „Na, da drüben natürlich. Rechts neben dem [Scheiß der Hund drauf] Schild.“

Dann findet Tiger die Maus. Nicht nur eine! Tausende!

Sorgsam sucht sich Tiger eine Maus aus. Eine schöne Maus, eine gesunde Maus. Schließlich muss sie lange halten. [Damit der Tiger hier nicht noch mal rein muss].

Zu Hause stellt der Tiger fest: die Maus klickt so komisch laut. Aber er denkt: Dann muss ich sie halt ausstopfen. Aus seinem alten Sofa guckt unten was raus. Das stopft Tiger dann in die Maus. Und denkt: „Alles muss man selber machen.“

Tiger liest Zeitung: Ein Bild aus Japan hat es ihm angetan. Strom sparen, das ist erholsam für die Augen!

Auf dem Rückweg hat Tiger den Bus ausprobiert. Und sofort nach dem Einsteigen festgestellt (da waren die Türen schon fest verschlossen): „Da hab ich was falsch gemacht. Straßenbahn ist besser.“ Die Klimaanlage war schärfer als der Mistral. Tiger hat sich die Backe gehalten: Zahnschmerzen.

Dann ist Tiger ausgestiegen und an den Autos vorbei gelaufen. Das war nicht gefährlich. Alle fahren sehr langsam und stehen rum. Ein Auto hinter dem anderen. Tiger weiß aus Erfahrung: Das geht so weiter bis hinter Malchow, dann Lindenberg, Schwanebeck Bernau. Millionen Sonnen blitzen auf Windschutzscheiben und Chromdächern. In die andere Richtung stehen die Karossen bis hinter Ahrensfelde, Eiche-Nord, Hönow, Strausberg. Dahinter kennt sich Tiger nicht mehr aus. Vielleicht stürzen sie dann ab in den Abgrund der Welt?

Und nach Süden, Tiger? Da geht es dann weiter bis Nordafrika. Nordafrika ist mit Zulieferketten an Europa gekettet. An die Automobilindustrie. Tiger denkt an die fremden Völker Nordafrikas: „Alles was wir zu verlieren haben, sind unsere Zulieferketten!“

Sind die so schlimm? Nein, denkt Tiger. Denn die EU sorgt dafür, dass die menschenfreundlich sind, sauber und blitzblank. Damit die auch halten. Damit die Leute zufrieden sind und in Nordafrika bleiben. Das ist auch billiger. Tiger würde sie trotzdem gerne mal kennen lernen.

Wenn Tiger mal alles zu viel wird, geht er in die Natur.

Da ist dann alles wie immer. Alles wächst wie immer nach oben.

Und wie immer, wenn Asphalt Tiger knipst, läuft gerade eine Kuh durchs Bild.

Tiger denkt: Wie schön! Das ist Natur! Schafe laufen kreuz und quer, sie haben ihren Spaß!

Tiger freut sich: Alles ist so friedlich hier! Und keine Autos!

Tiger ist voller Hoffnung. Irgendwie geht alles immer weiter. Leben: Leben wächst über sich hinaus.

Ja so ist das! Alles bewegt sich. Sucht sich findet sich. Und wenn dann Frösche auf so eine bewegte Oberfläche springen, bewegt die sich auch, und die selbst bewegen sich auch. Hin und her. Das ist alles ganz einfach, wenn man nicht nachdenkt, und wenn man nachdenkt, ganz schön kompliziert. Aber es ist ja alles immer relativ. Denkt der Tiger und kratzt sich hinterm Ohr.

Tiger entwickelt da grade eine fotografische Kultur der Achtsamkeit. Tiger denkt: Meine Fotos sollen weich sein! So weich wie Gelee! So glibbrig wie Aspik. Von wegen „gefrorene Momente“ (Henri Bergson)! Nee, wabbelige Momente. Alles lebendig.

Asphalt Tiger kann sich nicht satt sehen! Tiger denkt: Quatsch, die Hippies, die sagen, ich fotografier lieber nicht, das tötet meine Erinnerung! Tiger denkt: Auf Fotos kann man viel mehr sehen, als man wirklich sieht! Hier erkennt Tiger den Kopf von Friedrich Engels. Oder war es Nikolaus Lenau?

Das kann natürlich sein! Denn Tiger hat noch nie zuvor ein Foto von Nikolaus Lenau gesehen.

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