Vollmond

Asphalt Tiger hält sich an der Stange fest.

„Aber warum denn, Tiger? Die S-Bahn fährt doch noch gar nicht?“

Na ja. Sicher ist sicher. Grade an Tagen wie diesen. Das heißt: Nacht. Vollmondnacht Freitag Nacht. Kurz vor Mitternacht. Am S-Bahnhof Friedrichstraße.

Stille. Schweigen. Nachts ist es kälter als draußen. Noch ist nichts passiert. Die Zeit steht still. Die Bahn steht still.

Dann wehen mehrere Personen hinein. Alles geht jetzt ganz schnell. Dann eine Frau. Dann, mit dem Rücken an sie gelehnt und mit allen Gliedmaßen zappelnd, ein junger Mann.  „Hihi, wie lustig“, denkt Asphalt Tiger, mit der Schulter an die Stange gelehnt. Ist die Frau die Freundin von dem jungen Mann? Nein, sie ist eine Oma. Der junge Mann rudert weiter mit seinen Armen im weißkarierten Kapuzenpullover, biegt rückwärts in den Gang ab mit seinen hellen Jeans an, kippt hinten über und schlägt mit dem kurzgeschorenen Hinterkopf an einer Haltestange auf.

Jetzt merkt der Tiger: „Der junge Mann meint es ernst!“

!! – ??

Stille. Da liegt er nun. Ausgestreckt und reglos. Ist er … – – – ?

Nein. Der junge Mann schlägt die Augen auf, blicklos hellblau. Er hebt den Kopf an.

„Da! Er blutet! Am Hinterkopf!“, kreischt eine Frau und rennt auf ihn zu. „Kennt hier irgendwer einen Arzt?“

(Asphalt Tiger glaubt nicht.)

Der junge Mann kriegt einen Schreck (Arzt!) und rappelt sich schnell auf. Den Hintern zuerst, rudert der Mann den Weg zurück, den er gekommen ist, zurück zum Ausgang, wie in Rückwärtszeitlupe, an der Oma vorbei, weiter zurück. Schon ist er durch die S-Bahntür verschwunden.

Weg!

Asphalt Tiger schüttelt den Kopf, ganz verduzt. So schnell!

Die Bahn fährt los.

Jetzt erst sieht der Tiger den kleinen roten Fleck, neben der Stange, auf dem grauen Boden der Bahn, im Mittelgang zwischen den Sitzreihen. Majestätisch, intensiv, strahlend.

Ist euch das eigentlich schon mal aufgefallen? Wie grau in grau diese BVG-Fahrzeuge innen drin sind? Wie trist? Wie trostlos?

Der junge Mann hat für einen kurzen Moment Leben in unseren grauen Alltag gebracht! Und wie schnell war er wieder weg … Aber er hat uns ein kleines Bisschen seiner Lebendigkeit da gelassen. Konzentriert in dem knallroten kleinen Fleck auf dem Fußboden dieser S-Bahn an der Haltestelle Friedrichstraße in einer Vollmondnacht.

Aber was soll das!?:

Asphalt Tiger traut seinen Augen nicht. Da sitzt auf dem Sitzplatz neben dem Blutfleck ein anderer junger Mann, ganz in Schwarz, mit Augenringen. Der saß eben noch nicht da! Und beugt sich runter zu dem roten Fleck, und tupft ihn mit seinem Papiertaschentuch weg! Was soll das!? Und rubbelt die Stelle trocken, bis die letzte Spur verschwunden ist. Faltet das Taschentuch und steckt es in seine Hosentasche. Da! Er hat einen weiteren Fleck entdeckt! Holt ein neues Taschentuch aus der Verpackung, macht sich da zu schaffen. Gleich ist wieder alles grau. Steckt das in die Hosentasche ein. Privatisiert es sozusagen. Jetzt ist es weg.

Warum?

Mitten in der Nacht.

Asphalt Tiger steigt am Alex aus. Da steht er auf dem weiten Platz, schaut durch das Laternenlicht durch in den dunklen Himmel. Wo ist der Mond?

Eine Schneeflocke fällt auf seine rausgestreckte Zunge, wie er so da steht, regungslos.

Eine seltsame Nacht …

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