Senior Trouble

„Erwin heißt er!“ Die Mutter umklammerte das Neugeborene und presste es an sich.

„So’n Quatsch! Das klingt viel zu altmodisch!“

„Schau ihn dir doch an: Glatze, Falten, rülpst wie’n Alter. Erwin heißt er!“

Da presste Erwin die Lippen zusammen und riss die Augen auf. Ein finsterer Blick traf seinen Vater, wie nie zuvor einer einen linksliberalen Vater getroffen hatte. Und damit war das Thema erledigt.

Erwin heißt er. Und schnell wurde er älter. Schon im Kindergarten nannte man ihn „altklug“. Sein erstes Meerschweinchen taufte er Goethe, und als er merkte, dass es nicht auf ihn hören wollte, rief er es Beethoven. Dann kam die Schule. Er übersprang erst die erste Klasse, dann die zweite. Mit zwölf nahm er sein Studium der Gerontologie auf: Ein Flaum auf den Wangen, die Zeit rast dahin! Schnell, bevor alles vorbei ist!

Im Alter von sechs Jahren war er bereits – gegen den Willen seiner Eltern, die schlechte Gesellschaft befürchteten – in  den Jugendverband der Seniorenpartei eingetreten. Seine Kameraden, alle um einiges älter, nannten ihn wahlweise Frührentnerchen oder Frühchen Rentner. Ihm war das egal. Hauptsache Karriere!

Beharrlich beschritt er seinen Weg an die Spitze des Jugendverbands. Nach zwei Jahren schon übernahm er den Vorsitz. Den hatte inne, bis er mit 19 Jahren „aus Altersgründen“, wie es hieß, aus dem Amt schied. Er war jetzt öfters etwas vergesslich, nun ja, das kann vorkommen.

Erwin nutzte die Zeit, die ihm blieb: Mit 20 war er Professor der Gerontologie, zu seinen Schülern hatte er ein joviales Verhältnis, denn, ja!, soviel Erfahrung macht gütig und gelassen.

Nebenbei schrieb er Programmatisches für die Parteizeitung, „Die Graue Eule“. Da flogen nur so die Fetzen! Und gleichzeitig hatte es Tiefe, und sein Duktus George’sche Wucht. Und jeden Donnerstag Abend saß er am Stammtisch der Seniorenpartei beim „Strammen Wirt“.

Natürlich blieb es da nicht aus, dass das eine oder andere Auge auf ihn geworfen wurde. Nicht nur von den Altvorderen, den Ehrenvorsitzenden und Alterspräsidenten, die schnell den künftigen Konkurrenten in ihm witterten! Nein! Auch die ganzen Gittis und Hildes und Erikas warfen ein Auge auf ihn! Und nicht nur eins! Sie leckten sich die verwöhnten Mäuler.

Denn mit seinen knapp zwanzig Jahren war Erwin schon ein Muster der Greisenwürde. Mit zittriger Hand griff er nach seinem stets halb leerem Weinglas, tupfte vergeblich das Eieromelett aus dem Mundwinkel, und wenn er sprach, dann bedächtig, nach langem einleitenden Nicken, und stets etwas langsamer als nötig!

Darauf standen die alten Schachteln! Und das wusste Erwin. An der Echtheit seines silbergrauen Toupets mochte die eine oder andere zweifeln, aber – egal: Erwin war der Star, und er war der Schwarm aller Leserinnen dieser Silberlocken-Blättchen wie Gala, Neue Für Sie, Bild der Frau! Erwin selbst? Er verehrte nur seine Großtante Malwina. Immer noch träumte er davon, wie er sie als kleiner Bub in ihrer Gartenlaube besuchen durfte. Sie duftete herrlich!

„Alles nur gefärbt! Wie damals beim Schröder!“ Keiner ließen ein gutes silbergraues Haar an ihm, seine bärbeißigen Kollegen in der Seniorenpartei. Die waren nur eifersüchtig! Weil er es viel früher viel weiter gebracht hatte als sie. Und nun auch noch der Erfolg bei den Damen! Aber mit seiner Antrittsrede nach seiner Wahl in den Bundesvorstand – da war er gerade 22, jünger noch als Kristina Schröder! – brachte er sie alle zum Schweigen:

„Seniorinnen und Senioren, liebe Greise,

wir müssen den Tatsachen ins Auge schauen! Unaufhaltsam schreitet die Vergreisung unserer Gesellschaft voran! Mehr als 60 Jahre ist unsere Republik bereits alt. Zeit für die Rente! Ab ins Altersheim!

Liebe Freunde, wir dürfen das Altern nicht dem Selbstlauf überlassen! Wir brauchen radikale Einschnitte! Wir brauchen eine Politik, die Schluss macht mit diesem Wehwehweh von Wohlfahrt und Pflege! Wir brauchen eine Politik, die sich auf die nötigsten Rahmenregelungen beschränkt, um größtmöglichen Wettbewerb, Fortschritt und Effizienz des Alterungsprozesses anzureizen! Noch liegen wir im europäischen Vergleich weit zurück!

Und wenn ich mich hier so umsehe …“ – ließ er einen abschätzigen Blick über die meist noch sehr rüstigen Parteimitglieder schweifen, bevor er wieder mit zittriger Stimme anhob:

„Dies ist die Herausforderung für die nächste Wahlperiode, liebe Seniorinnen und Senioren! Und ich gebe Ihnen, ich als einer der Jüngsten unter Ihnen, gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, dass ich Ihnen auf diesem Wege als leuchtendes Vorbild voraneile, als best practice der Seniorität, der Erste im benchmarking der Silberlocken, zum Wohle unseres Vaterlands!“

Eine lange Rede! Zäh! Aber was er gesagt hatte, das saß! Unter donnerndem Applaus verließ er das Rednerpult, langsamen Schrittes, mühsam auf die knorrige Gehhilfe gestützt. Das Bruchband ziepte.

Und er hätte seine politische Karriere sicher schon vor Beendigung seines dreißigsten Lebensjahres mit dem Amt des Alterspräsidenten des Deutschen Bundestages krönen können, hätte er sich nicht in seinem Eifer nach Alter und Würde etwas übernommen!

„Da ist er doch offensichtlich über die Stränge geschlagen!“ Seine Parteifreunde registrierten das mit Genugtuung. Denn das ging doch wirklich zu weit! Viel zu weit!

Die wilden Partys mit Emmi und ihren Freundinnen im Gemeindezentrum! Fast jeden Nachmittag war er jetzt da. Dabei waren die meisten von ihnen schon entmündigt! Saßen in ihren Rollstühlen und ließen sich liebkosen! Mit Apfelkuchen mit Sahneschlag verwöhnen! Sangen unanständige Lieder! Das war wirklich der Gipfel! Dieser notgeile Möchtegern-Lustgreis.

Das brach ihm das Genick. So langsam kam das ganze Ausmaß seines Narzissmus zum Vorschein! Die Bildüberschriften in Gala und Für Sie wurden immer gnadenloser, immer schriller. Emmi und Erwin – alle Silberlocken hassten sie! Erschrocken lenkte Erwin ein, wurde vorsichtiger, bescheidener. Die Parteifreunde respektierten das, schusterten ihm ein bescheidenes Amt in der Provinz zu.

Die Liebschaften wurden jünger, erst Vorruhestand, dann Altersteilzeit, wie unglamourös: Kaum eine Bildpostille berichtete mehr von Erwin. Erst kleine Bilder, dann kleinere, dann keine Bilder. Schließlich wurden seine Affären so jung, dass jegliches Interesse erlahmte. Eine Schülerin – pah!

Erwin in der Provinz. Allein und einsam, mit Ende Zwanzig. Die letzte Silberlocke – vom Winde verweht?

Was sollte er bloß anfangen mit diesem übermäßig langen Lebensabend?

Stimmte es, oder war es nur ein Gerücht, dass er jetzt als Schlümpfe-Imitator auftrat, mit verstellter Stimme und hüpfenden Schritten über die Bühnen der Stadtfeste springend?

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