Bratwurstinferno

Die Großstadt – ein Sumpf. Ein Sündenpfuhl. Babel. Wäre er doch nur zu Hause geblieben. Denkt er seit Jahren! Verdrossen wendet Höllnhuberwastl eine Wurst nach der andern um. Der Rauch seines Grills kämpft gegen die Stille an, die wieder seit Stunden in den engen Räumen seines Ladens brütet.

Draußen tobt der Verkehr. Trauben von Menschen drängen sich auf dem breiten Gehsteig vorbei, und immer ist einer noch schneller als der andere, zwängt sich durch massive Mauern alter Herrschaften, dichte Pulks kichernder Schülerinnen und lose Ketten alternder Hiphop-Hosenjungen, die in ihrer raumgreifenden schwankenden Bewegungen den Höllnhuberwastl an die Trauerweiden gemahnen, die sich auf dem Friedhof wiegen, auf dem seine Ahnen seit Generationen schlummern. Behütet von Kreuzen und Grabsteinen mit frommen Sprüchen. Das Laub raschelt, Blumen duften, Vögel zwitschern. Lang ist’s her. Weit ist’s weg.

Ein Wurst platzt auf, das Fett zischt laut, als es ins Feuer tropft. Die grausamen Strafen.

Geräusche dringen durch die fettigen Fensterscheiben herein. Der Höllnhuberwastl schüttelt sich. Diese Sprachen! Jeder redet hier anders. Und trotzdem versteht ihn keiner, wenn Wastl sie fragt, mit seiner donnernden Stimme: „Wos wuist?“ – „Nix kriagst.“

Das ist die Strafe! Zur Hölle mit ihnen!

Doch wenn sie sich dessen nur bewusst wären! Wenn sie nur endlich mal richtig Angst kriegen würden!  Aber wie auch? Keiner findet mehr seinen Weg hierher, ins Bratwurstinferno. Hier grausts keinen mehr! Ganz selten nur öffnet sich die Tür, ein frischer Wind weht herein und kühlt die Hitze der Flammen, während Höllnhuberwastl hinter dem Tresen steht, abweisend, vierschrötig, mit dem  breiten Rücken zum verlorenen Gast.

Ganz selten nur tritt jemand hier ein – Lass alle Hoffnung fahren! – und findet sich, Tür zu, eingeschlossen in eine Welt brodelnden Fettes, flackernder Feuers, aggressiver Düfte, ja, teuflischen Gestanks. Rauchschwaden wehen immer wieder durch den Raum, verhüllen den Chef, der hämisch grinst. Höllnhuberwastl weidet sich an der gerechten Strafe für die Verirrten! Ja, die Strafen:

„Eine Bratwurst bitte …“

Doch so wenig! Kaum einer kommt noch! Immer weniger. Es scheint, mit der Vermehrung der Sprachen steigere sich nicht die Verwirrung und das Unbehagen, sondern steigere sich die Lust der Leute am Leben! Wen drängt es dann noch in diese finsteren Räume! Die Stadt wird immer jünger, immer lebendiger! Alles strömt immer schneller vorbei. Immer freudiger, immer schamloser, immer genusssüchtiger!

Höllnhuberwastl sieht es vor sich: Das göttliche Pendel schwingt aus. Wann schwingt es zurück, hart und gnadenlos, und reißt die Sünder mit sich? Wo bleibt die Sühne, das Opfer, das alles wieder ins Gleichgewicht bringt? Der Höllnhuberwastl starrt auf die Vielzahl der Würste, die sich in der Hitze krümmen.

Und was die ganzen Leute jetzt alles essen! Die vorbeikommen. Aus der Hand! Den dicken Höllnhuberwastl graust es. Frisch und roh und leicht und hell ist das. Eine Unbeschwertheit sondergleichen, eine Versuchung des Schicksals. O Mensch, es ist schon schwer.

Traurig schaut der traurige Wastl auf seine Würste nieder. Vergleicht. Die und die andern. Längst ist das Fett verdampft, verzischt, nachdem es, Tränen der Reue gleich, im Flammenmeer versunken ist. Nein, die Würste sind schon ganz trocken, faltig vor Erschöpfung. Die werden schon ganz schwarz auf dem Grill!

Und sie so leiden zu sehen, vergehen vor Schmerz, schmerzt ihn jetzt plötzlich selbst. Er, der zornige Höllnhuberwastl, hat Mitleid mit seinen Würschterln! Jeden Gedanken an gerechte Strafen beiseite schiebend, stellt er die Flamme kleiner. Schiebt Würschterrrln für Würschschterrrln sanft und zärtlich aus der größten Hitze. Seufzt.

Rache, das war einmal. Unsere Zeit ist vorbei. Sagt er zur Wurst. „Sag zum Abschied leise Servus.“ Legt die Schürze ab, zieht die weiße Mütze. Und schließt den Laden hinter sich zu.

„Ein Glück gibt es noch den Bierengel!“ Gleich nebenan. Wastl tappst hin, unsicher, bedrückt, an gelben Butzenscheiben vorbei. Dieses großzügige warme Dunkel empfängt und umhüllt ihn. Die dralle Blondheit von Wirtin, eine gestandene Matrone vom gleichen Holz wie er, grüßt ihn lachend, wo er hadert und grimmt. „Wos wuist?“ – (Blablabla) — „Sollst hobm!“, jubelt sie und füllt den Krug mit goldenem Nass, bis er überströmt.

Höllnhuberwastl‘ Anspannung und Härte löst sich und quillt weich über den runden Rand seiner Sitzfläche. „Ein Glück“, denkt er, „haben wir von daheim nicht nur dieses verdammende, sondern auch dieses beseligende Erbe mitg’nomm. Und hätte ich nicht sie, meinen Bierengel, ich wäre genauso verdammt wie alle anderen. Bratwürste. Bratwurstinferno, wos wuist no? Ah geh! Bratwurst…“

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