Schöne Baustellen

„Läufst du mit geschlossenen Augen durch die Welt!?“, hat sich Tiger letztens selbst vorgeworfen. Hatte er erst vor kurzem einen nostalgisch gefärbten Blick auf die Vergangenheit geworfen: als Berlin-Mitte noch eine Baustelle der Subkultur war (s.u.: Rohr verlegen!). Und sie dann kurzerhand für tot erklärt. Stimmt doch gar nicht.

„Das kann doch nicht sein! Bist du blind?“ Tiger schüttelt den Kopf und setzt sich in seine Lieblingsstraßenbahn. Nach Mitte! Weiter erkunden, was da noch geht.

„Das kann doch nicht sein, dass da alles verschwunden ist …“

Natürlich findet er die Kontinuität des alten, legendären Mitte nicht in dieser abgefahrenen knallbunten Eisbar am Alex, Samstag nacht um drei, wenn blaues Licht die Leute blau färbt. Letztens war er da, hat sich dann aber doch nicht rein getraut und stand dann auf den nass durchweichten Holzbohlen auf der Veranda, wo Eis die Sitzflächen der im Freien vergessenen Stühle bedeckte. Drinnen kaum noch was los, alles blau. Nur der laute Rhythmus erinnerte ihn an früher. Aber sonst: falsche Baustelle. Alles schon fertig. Ende Gelände.

Besser: Aussteigen am Nordbahnhof. Ein rauer Wind weht. Und was sieht der Tiger: Überall diese überirdischen Rohre! Wie er sie noch aus der Hochphase der Scene in Mitte kennt. Tiger hat damals oft das Rauschen der Rohre belauscht, wenn er ihnen stundenlang durch die finstere Stadt folgte, und immer wieder stockte ihm der Atem dabei. Was da wohl drin fließt? LSD!

Eine Verheißung. Die Utopie einer besseren Welt hing und hängt weiterhin hoch über dem Straßenplaster in der Luft. Ja! Es gibt sie noch: auch heute noch ziehen sich diese Rohre, in vertrautem Rosa und Mittelblau, durch die Straßen des östlichen Zentrums der Hauptstadt. Und auch Baustellen gibt’s mitten in Mitte noch en masse. Doch wirklich: Es hat sich auch viel geändert. Alles edel, glatt, sauber heute, an diesen neuen Baustellen. Sie strahlen hell im Sonnenlicht.

Es ist evident: Auch im Baustellengewerbe hat sich der cultural turn vom rauen Zusammenschustern von liebloser Massenware zwischen Schmiere, Ölen, Staub und Dreck hin zur postfordistischen Produktion ästhetischen Mehrwerts vollzogen. Der Polier erklärt dem Stift heute schon am ersten Lehrtag: „Das Design bestimmt das Bewusstsein!“

So bestimmt die Wahl edler Werkstoffe heute das Gesamtbild der Baustellen, die Diamanten gleich die prachtvolle Krone dieser Stadt schmücken: Mitte, das neue Zentrum. Ein klarer Fall für das Tourismusmarketing!

Der Blick des Passanten freut sich auch an der bewussten Wahl klarer Farben, die ihm ohne große Worte eine schnelle Orientierung ermöglichen. Diese Bildersprache prägt sich vor allem schnell und nachhaltig dem Gedächtnis ein. Solche hochmodernen Baustellen sind einfach unverwechselbar!

Natürlich steigt mit der Komplexität und der Geschwindigkeit des städtischen Lebens auch die Komplexität der Baustellen. Sich die Vielfalt der in ihr versammelten Funktionen, Zeichen, Handlungszusammenhänge zu erschließen, erfordert Zeit und vor allem viel Geduld.

Die gegenwärtige Baustellenästhetik vereint die raffinierte Schlichtheit ausgesuchter Materialien mit einer selbstbewussten Ausstellung der Konstruiertheit dessen, was noch vor mehreren Jahren den Anschein des Natürlichen und geradezu töricht Einfachen verbreitete: Nicht mehr rohes Holz, sondern High Tech Complexity zeigen an, dass die Baustelle jetzt vollkommen in der Gegenwart angekommen ist.

Eigentlich wollte der Tiger dann noch in irgend ein Museum schlurfen. Wegen der Schönheit. Aber dann dachte er: „Was soll das!? Bleib draußen! Ich bin voll geflasht!“ Alles war auf einmal super. Und das direkt neben dem Reichstag! Fast am Brandenburger Tor. Man stelle sich das mal vor …

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