Idyll zum Jahresanfang


„Guck mal da! Die Bullen! Hihihi. Ätsch!“

Anstatt denen zu helfen! Stehen die rum, die Blagen, und zeigen mit ihren nackten Fingern auf die. Die beiden Bullen. Wie sie da an der Ampel stehen, mit ihren Dreirädern. Die haben das ja damals im Dienst so gelernt: Bei Rot wird angehalten! Und das ist heute noch drin! Das geht auch nicht mehr raus.

Langsam haben die Bullen ihre gelben Dreiräder ausrollen lassen, und im letzten Moment erst haben sie die Füße auf den Asphalt aufgesetzt. Nun stehen sie da, die beiden. Alt, klapprig, mit wirrem Haar. Und es ist klar: Die können sich nicht mehr so konzentrieren wie früher. Da kommt es schon mal vor, dass die Kiefer sich lockern und die Glimmstängel auf den Boden fallen.

„Aber da kann man denen doch helfen, Jungs! Hebt denen mal die Kippe auf, so: ‚Hier, Oppa‘, und steckt sie den Bullen wieder in den Mundwinkel!“

Nix da! Die Jungschen feixen weiter.

Die haben das halt nicht mitgekriegt, wie das damals war. Als die noch richtig Dienst geschoben haben, die Bullen. Furcht und Schrecken war da! Und keiner hat damit gerechnet, dass das jemals aufhört! Erst recht nicht, dass die sich einmal so schön integrieren würden.

Das kam auch sehr plötzlich. Als schon keiner mehr daran geglaubt hat, dass man diesen gefährlichen Sumpf trockenlegen könnte, diese archaische Parallelwelt durchleuchten könnte, da kam dann diese Bestimmung: Die Bullen müssen sich jetzt ausweisen! Müssen ihre Namen sagen, ‚Sag mal wie du heißt’, und der steht ab jetzt auch weiß auf grün auf ihnen drauf. Vorher wusste man ja nur: 21 und 23 – das sind die Schlimmsten! Jetzt kam endlich Licht ins Dunkel.

Vorher wusste doch keiner, wer da überhaupt dabei war, wer da mitmachte, wer da was machte! Was für krumme Dinger die gedreht haben. Und die selbst haben natürlich dicht gehalten! Und wenn sie wo auftauchten, waren sie dick eingemummt, Helme auf, Scharnier runter, Schulterpolster und Schienbeinschoner, so dass niemand wusste, wer dahinter steckte. Und wenn man sie nur neugierig ansah! Na hallo …

Und dann diese plötzliche Sichtbarkeit: die brach ihnen dann ganz schnell das Genick! Plötzlich machten diese ganzen brutalen Dinger keinen Spaß mehr. Von einem Tag auf den andern. Wie auch: im Licht!?

Schon nach kurzer Zeit gaben sie also ihre Selbstauflösung bekannt.

Natürlich war da erst recht der Teufel los: Was, wenn diese üblen Burschen nun unerkannt in die Gesellschaft einsickerten und da weiter ihr Unwesen trieben, unfassbar, in kleinen Grüppchen. Und vielleicht ein neues großes Ding vorbereiteten. Da war natürlich die ganze Gesellschaft gefragt.

Auch wir dachten: Da müssen wir uns wohl oder übel um die kümmern! Das darf auf keinen Fall dem Selbstlauf überlassen werden. Und rückblickend kann ich sagen: Wir hatten Erfolg! Na ja, zum Glück waren es bei uns im Viertel ja nur zwei, auf die wir ein Auge werfen mussten. Andere Viertel hatten es da nicht so leicht. In manchen Straßenzügen sind es immer noch bis zu fünf oder mehr alte Bullen, die da auf ihren klapprigen Dreirädern rumkurven.

Anfangs hat keiner recht daran geglaubt, dass man mit denen jemals was vernünftiges anfangen könnte. Aber ich habe immer gesagt: Geduld! Immer in kleinen Schritten. Man muss sie langsam daran gewöhnen! Und ich habe recht behalten.

Am schlimmsten war das natürlich für deren Ehefrauen. Vor allem in der ersten Zeit. Mein Gott!, die waren ja jetzt den lieben langen Tag zu Hause! Die mussten ja den ganzen Tag beschäftigt werden! Da haben wir aus der Nachbarschaft gesagt: Gebt ihnen erst mal einen Teppichklopfer! Da wissen sie dann, wohin mit ihrer Kraft! Auch Kuchenteig kneten und Kartoffeln stampfen wäre vielleicht etwas für sie. Und nach einigen Wochen waren diese tobenden Bestien bereits sanft wie die Lämmer. Ausgeglichen und zufrieden.

Ich muss schon sagen: Unsere Nachbarschaft war halt einfach auch vorbildlich! Die haben dann immer wieder Festchen organisiert, zu denen die Bullen natürlich auch eingeladen wurden. Und da haben die dann gesehen: Man muss nicht immer gleich losprügeln! Man kann sich auch einfach mal unterhalten! Und die Leute freuen sich, wenn man auch einmal lächelt! Das waren anfangs ganz ungekannte Erfahrungen! Aber wie glücklich sie dann aussahen, eine Bockwurst im Mundwinkel, ein Teller Kartoffelsalat in der Hand. Das hat uns natürlich für einiges an Mühen entschädigt.

Und wir haben uns mit ihnen gefreut, über jeden Schritt, den es vorwärts ging, hinein in unsere mitmenschliche Gemeinschaft. Die haben gesehen: Das kann man lernen! Natürlich, wenn man sein ganzes Leben lang nichts Vernünftiges gelernt hat, bleiben einem viele Möglichkeiten dauerhaft verschlossen. Aber an ganz einfache Tätigkeiten, für die nur wenig handwerkliches Geschick, nur minimale Fingerfertigkeit und Geschicklichkeit vonnöten war, ließen sie sich im Laufe der Zeit gewöhnen. Begeistert stutzen sie zum Beispiel die Sträucher und Hecken des Stadtparks. Wer hätte das gedacht!

Heute sind sie alle alt, ein wenig gebrechlich, und auch ein bisschen vergesslich. Wer könnte ihnen das nachtragen. Wir hier mögen sie, mit all ihren Fehlern und Macken. Heute können wir sagen: Ja, sie gehören zu uns! Und wir helfen ihnen auch im Lebensabend nach Kräften: Einkaufen, Saubermachen, Blumen Gießen. All dies fällt ihnen schon etwas schwer, und wir greifen ihnen da etwas unter die Arme.

Ihre größte Freude sind natürlich ihre Dreiräder. Wenn das Wetter schön ist, fahren sie damit schon morgens los, und erst wenn die Sonne untergeht, kehren sie wieder heim.

Und irgendwas muss man ja auch machen. Schließlich passiert hier nicht gerade viel, da ist es schön, wenn sich mal was bewegt, und wenn man sich noch ein bisschen bewegen kann. Sonst rostet man ja ein!


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