Ein kleiner Hund zu Weihnachten!

Endlich kommt die Lieblingsstraßenbahn vom Asphalt Tiger, und er steigt ein in den hellen gelben Kasten, der ihn nach Hause bringen wird. Er ist erschöpft und zufrieden nach diesem „Heiligabend“ mit angenehmen Gesprächen, lecker Essen und gutem Wein bei Freunden. Nach seinem Aufbruch war Tiger durch den hohen Schnee gestapft, hatte in der Kälte gewartet, wo Schneeflocken ununterbrochen durchs Laternenlicht fielen und die bereits dezimeterdicke Schneedecke weiter anhoben. Die Tür geht auf! Jetzt Wärme! Licht! Müdigkeit!

Auch die zwei jungen Männer, die links vom Eingang auf der letzten Bank im Heck der Bahn sitzen, sind wohl schon sehr müde. Stumpf blickt der eine von ihnen über den dicken Rand seiner Brille. Noch wollen sie ihren Kampf gegen die Erschöpfung aber nicht aufgeben: „Wir machen Party die ganze Nacht“, so oder ähnlich schallt es aus ihrem Kofferradio. Oder wie das heute heißt. Tiger setzt sich hin, und die Musik beschallt ihn weiter von hinten. Als dann ein Schlumpftechno-Stück mit einem alten Volksliedtext kommt, „Es tanzt ein Bibabutzelmann“ oder ähnlich, denkt der Tiger ganz zuversichtlich: Denen ihre Eltern müssen aber stolz auf ihre nachhaltige Erziehung sein. Dass die jungen Leute auch im Erwachsenenalter ihrer Kinderwelt die Treue halten und hinter einer harten Fassade aus rohen Beats ihre Sehnsucht nach Halt und Harmonie, nach Idylle und Wohlbehagen ungebrochen zum Ausdruck kommen lassen können.

???

Doch dann mischt sich Unbehagen in des Tigers Gedanken: Eine Hund jault! Deren Hund? Das Jaulen wird lauter. Was machen die!?

Tiger steht auf (ein Held!) und beschließt, sich die Sache genauer anzuschauen (sei vorsichtig, Tiger!). In diesem Moment öffnet sich die Tür der Straßenbahn, und ein Pärchen betritt den Wagen, bringt Kälte mit und Rollsplitt und Matsch. Der Kerl, im gleichen Alter wie die anderen, setzt sich den beiden Schlümpfen gegenüber und macht sie auf ihr Fehlverhalten aufmerksam: „Ihr benehmt euch wie Kinder! Wie 17 minus 4!“ Und er unterstreicht die Gewagtheit seiner These durch mehrmalige Wiederholung: „Wie 17 und 4.“ Auch er scheint müde.

Da sinkt Tiger erleichtert auf seinen Platz zurück. Erinnert er sich doch daran, was er vor kurzem gelernt hat, im dicken Weißbuch Europäisches Regieren aus Brüssel: „Ja! Das Prinzip der Subsidiarität! Probleme dort lösen, wo sie auftauchen. Und nicht aus der Ferne. Da wo die sitzen! Da wird das gelöst. Nur so kann man lokalen Verhältnissen Rechnung tragen! Das nennt man heute Europäisches Regieren!“ Tiger blickt aus dem Fenster und lauscht der gewieften Argumentation des neuen Fahrgastes nun nur noch mit halbem Ohr.

Doch plötzlich hört er einen dumpfen Schlag. Als Tiger sich umdreht, kann er feststellen, dass sich die Kontrahenten einander soweit angenähert haben, dass sie sich nun auch wortlos verständigen können. Derweil – das alles geschieht rasend schnell – hat der neue Fahrgast seine Freunde, die eine Türe weiter vorne eingestiegen sind, aufgefordert, sich an der gemeinsamen Lösung des aufgetauchten Problems zu beteiligen. Asphalt Tigers Augen glänzen: Je mehr, desto besser! Das ist ein Grundgedanke der guten politischen Führung in Europa! Denn wo die demokratische Legitimation der Akteure fehlt, kann sie durch die Einbeziehung einer möglichst großen Menge an Leuten ausgeglichen werden! Toll, so was!

Und rasch sind die Hauptakteure des Entscheidungsfindungsprozesses von einer Traube von interessierten Mitbürgern umgeben, die entweder aktiv partizipieren möchten, um Ungleichheit abzubauen und Solidarität zu verteidigen, oder aber als Experten den Prozess evaluieren möchten.

So kann Tiger sie erst mal alle miteinander allein lassen. Als neugieriger Beobachter möchte er nun auch die anderen wichtigen Player Europäischen Regierens kennen lernen. Wer ist hier der oberste Chef? Na klar! Tiger durcheilt die Straßenbahn, bis ganz vorne, um Einblick in die Arbeitsweise des Herrschers über Knöpfe, Türen, Kameras und Sprechfunk dieser Straßenbahn zu erhalten. Was wird der Bahnfahrer in dieser spannenden Situation tun, um die Entscheidungsprozesse der lokalen Akteure im günstigen Sinne zu rahmen und zu begleiten? Die Türen öffnen oder schließen? Anhalten oder weiterfahren? Die Kamera anschalten? Mit dem Ziel, eine „Online-Datenbank mit Einzelheiten der auf europäischer Ebene tätigen Organisationen der Zivilgesellschaft zu erstellen“, um als „Katalysator zur Verbesserung ihrer internen Organisation“ zu wirken (S. 20)? Dem Tiger schwindelt!

Die dunkle Tür der Fahrerkabine öffnet sich auf das Klopfen des Tigers hin. Ein Duft nach warmem Kaffee und Zimtplätzchen strömt ihm entgegen. Der Fahrzeugführer versichert ihn sofort der Sicherheit durch Verfahren und der großen Effektivität eines bürokratisch rationalen Handelns: „Ich handele hier ganz nach Vorschrift! Ich werde tun, was mir die Leitzentrale sagen wird!“ Die dunkle Tür schließt sich wieder, einige top-down Prozesse laufen im Verborgenen ab. Die helle Bahn fährt weiter durch die Dunkelheit und den Schnee. Im Vertrauen darauf, dass hier auch ungesehen das Ideal der multi-level governance verwirklicht wird, kehrt Asphalt Tiger wieder zum Schauplatz der lebendigen Aushandlung des Gemeinwohls zurück.

Dort kann er feststellen, dass die Selbstläufigkeit des kreativen Lösungsprozesses nachhaltig gesichert ist. In immer neuen Allianzen vernetzen sich die Akteure, immer neue Ideen und Handlungsoptionen tun sich auf, und immer genauer beziehen sie in ihre Überlegungen und Entscheidungen auch die materiellen Gegebenheiten des ihnen zur Verfügung stehenden Raums als quasi natürliche Ressource ein. So nähern sie sich mehr und mehr einer innovativen Lösung des gemeinsamen Problems gemäß der Prinzipien der Offenheit, Partizipation, Verantwortlichkeit, Effektivität und Kohärenz (S. 13).

Nun, Asphalt Tiger kann nicht richtig erkennen, wie genau sie das machen, denn zu kohärent ist die Traube derer, deren bürgerschaftliches Engagement ihm vorbildlich erscheint und deren Regierungsmethode einen umfassenden und integrativen Ansatz erkennen lässt. Ab und zu sieht er eine Faust mit größter Effektivität niedersausen, einen Ellenbogen nach oben zucken. Zack! Aber deutlicher als in öffentlich-rechtlichen Rundfunksendungen kann er die unterschiedlichen Einwände der einzelnen Akteure hören: Schallende Schläge, ein dumpfer Aufprall auf der Glasscheibe, ein ächzender Sitz, eine Bierflasche, die zerschellt, das Knirschen des Rollsplitts unter den Tritten. Der Ausgang scheint weiter offen, noch partizipieren alle Teilnehmer, und jeder scheint nur sich selbst verantwortlich.

Jetzt kann sich Tiger der dritten Gruppe von Akteuren Europäischen Regierens zuwenden. Na klar! Die Experten! Ein Think-Tank hat sich etwas abseits des öffentlichen Forums der Entscheidungsfindung gebildet und kommentiert und analysiert die Prozesse. Ein Fachmann wirft den Begriff des bench marking ein: Es kann ja nicht jeder gewinnen! Und bei der Feststellung von best practice gehe es darum, die Verallgemeinerung und Übertragbarkeit auf andere Kontexte auszuloten. Auf möglichst viele, natürlich! Ein anderer Fachmann holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück und analysiert nüchtern: „Ganz schön unfair, zwei gegen einen! Und war doch klar, dass der mit der Brille anfangen musste! Es ist immer der Schwächste und Dümmste!“ Der Tiger staunt über diese Vielzahl von Experten und den großen Umfang ihres Fachwissen, das in diesen noch so jungen Köpfen bereits aufgespeichert ist! Und bravo, denkt er: so gleichmäßig verteilt! Wie demokratisch!

Inzwischen hat die gelbe Straßenbahn angehalten und spuckt die Menschentraube auf den schneebedeckten Bahnsteig aus. Asphalt Tiger blickt nach draußen. Da liegt nun einer der eifrigsten Mitstreiter vollkommen erschöpft auf dem Rücken im weichen Schnee, die Augen geschlossen, den Mund weit offen. – Was ist los? – Jetzt signalisiert er mit einem schwachen Winken, dass man weiter auf ihn bauen könne. Seine Mitbürger erhitzen sich weiter: Ein Argument folgt dem anderen! Noch sieht es nicht nach einer einmütigen Lösung aus!

Doch schon kurz danach ist alles vorbei. Während sich einige der Akteure nach getaner Arbeit unauffällig und ohne große Lobeshymnen zu erwarten verabschieden, ruht sich der getadelte Hundebesitzer im Wageninneren aus. An eine Haltestange gelehnt, starrt er zum Boden, schwach nach vollbrachter Anstrengung spuckt er etwas Blut. Eine stille Reflexion auf den abgeschlossenen Prozess.

Diese Stille! Nur Atmen und Keuchen ist zu hören! Ja, es war anstrengend!

Tiger hat nun Gelegenheit, in aller Ruhe die erschöpften Hauptkontrahenten zu betrachten. Der eine liegt, der andere schwankt. Wie ähnlich sie doch einander sind! Beide etwas bleich, aber sicher: nach solch großartiger Anstrengung! Beide mit ordentlicher Frisur, unauffälliger Kleidung, Anorak und Jeans, so dass Tiger sie kaum auseinander halten kann. Augenscheinlich im Alltag fleißige, strebsame Mitbürger! Den Werten unserer Gesellschaft zutiefst verpflichtet, ihre freiheitlichen, demokratischen Grundsätze bejahend, die staatsbürgerliche Identität in aktivem bürgerschaftlichem Engagement festigend!

Doch wer von beiden hatte nun gewonnen? Tiger denkt: eine eindeutige Win-Win-Situation! Sicher beide! Denn nur in kleinen Details unterscheiden sie sich: der eine blutet aus Nase und Mund, der andere aus Nase und Ohr. Der eine hat eine graue Jacke, der andere eine schwarze. Der eine hat keine Brille, der andere auch: nur noch zwei Bügel sind zu finden. Nicht schlimm! Der eine hat …

„Wo ist mein Hund?“, stöhnt der Andere.

Ja!

„Wo ist der Hund?“

Das haben wir Experten uns auch schon gefragt. Nicht dass das Ziel der partizipativen Entscheidungsfindung aus dem Auge gerät: Das Gemeinwohl! Das allgemeine Gute!

Da bahnt sich dann ganz überraschend die Freundin des Zugestiegenen aus der Menschentraube heraus ihren Weg. Aus rotem Nikolaus-Mantel und unter roter Weihnachtsmann-Mütze hervor strahlt sie uns an, als sie auf uns zu kommt. Und läuft vorbei, im Arm den Hund, der zufrieden mit dem Schwanz wedelt.

Schließlich, einigen wir uns, ist es ganz egal, wie genau das Gemeinwohl hergestellt wird! Hauptsache, es kommt zustande! Irgendwie.

Und Tiger denkt: „Noch nie habe ich einen so glücklichen Hund gesehen!“ Aus treuen dunklen Augen sieht dieser seine neue Herrin an, lacht von einem Mundwinkel zum anderen und versucht ihr mit einer langen Zunge einen feuchten Kuss zu geben.

„Wie schön! Ein kleiner Hund zu Weihnachten!“

Dieser Beitrag wurde unter Interessantes und Wissenswertes, Kreuz und quer durch den Gemüsegarten abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s