Der Natur auf der Spur

Und plötzlich war der Winter da! Asphalt Tiger hatte es schon seit Tagen geahnt. Ja, irgendwie gewittert. Es lag in der Luft. „Asphalt Tiger, was summst du denn die ganze Zeit?“

Dann ist es ihm aufgefallen: Ja, das muss einen Grund haben! „Winter in Kanada! Von Mireille Matthieu! Na eigentlich von Elisa Gabbai.“ Seine Großtante hatte es auf einer Kassette, die sie bei seinem letzten Besuch — „Vor Jahren, Tiger! Vor Jahren!“ — abspielte, auf ihrem silbernen Kassettenrekorder auf der Küchenarbeitsfläche.

„Wenn wir bei ihr am offenen Küchenfenster standen, kamen die Meisen angeflogen!“

Asphalt Tiger packte die Sehnsucht! Raus! Ins Weiß! Aufs weite Land!

„Wo sind sie, meine Freunde, die Tiere? Viele sind so unstet: ist die Saison zu Ende, verschwinden sie einfach! Vor allem die Warmduscher!

Andere, so Nachteulen, drehen jetzt erst richtig auf. Sonst sieht man sie nie! Jetzt ists auch tags oft schön dunkel, und die machen jetzt Halligalli.“

Tiger echauffiert sich: „Ihr Stadtmenschen! Denkt ihr, nur bei euch ist Aufregung, Hektik, Betriebsamkeit? — Nein! Hier auf dem Land, kann ich euch sagen: Das ist ein Kommen und Gehen! Kaum warst du mal kurz nicht da, hat sich alles verändert. Und du findest dich kaum mehr zurecht. So sind sie hier: Mal sind sie da, dann sind sie weg.“

Weg.

Da? War was. Asphalt Tiger stockte der Atem: Irgend ein schreckliches Ungetüm war hier gewesen! Das sich aus dem Wasser aufs Land wälzte! In Windungen? Wie ein Lindwurm? Träge und langsam oder wendig und schnell? Jedenfalls mit roher Gewalt!

Asphalt Tiger verfolgte seine Spur, die frisch war, warm und dunkel, durch die glatte Schneefläche. Windungen. Unheimlich.

Auf! Verfolgen!

Irgendwann teilten sich die Spuren. Verzweigten sich. Kreuzten sich selten. Blieben aber nahe beieinander. Ein einzelnes Tier, das mehrmals hier lang kam? Eine Horde?

Und ganz beiläufig hat der Tiger das Daumenkino revolutioniert! Bravo, Tiger! — „Aber, Tiger? Da muss sich doch so was durchziehen, so von Bild zu Bild?“ — „Eben! Ich hab jetzt so nicht-lineare Erzählweisen da reingebracht! Um der Komplexität der gegenwärtigen … äh Natur gerecht zu werden!“

„Meinst du, du findest das Ungeheuer?“

„Weiß nicht. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich das wirklich will?“ Irgendwas schlotterte im Tiger. Wie ein geübter Trapper kniete er sich hin, um mit wachsamen Augen die Spuren zu untersuchen.

„Aaaargh! Wildschweine!“

Doch auch im nächsten Graben hielten sie sich nicht versteckt, kamen weder in freundlicher noch feindlicher Absicht dem Tiger entgegen. Da waren sie wohl doch in fernere Wälder oder Wiesen oder Büsche oder Schilf gerannt. Aber irgendwie war der Tiger dann auch erleichtert, als er die Suche abbrach.

Was dem Tiger sonst noch so begegnet ist, auf dem Land, zwischen Königs Wusterhausen und Zeesen, südlich von Berlin:

Ein leeres Strandbad. Alle haben mitgekriegt, dass der Sommer vorbei ist.

Und nur ein Volldepp würde sich mit seiner nassen Badehose jetzt auf so eine Bank setzen!

Ist braune Symbolik hier ein fester Bestandteil der Alltagskultur und der Freizeitindustrie?

Asphalt Tiger ist entzückt über die Freundlichkeit der Zeesener.

Auf der Straße vor dem verfallenen Schloss im verwilderten Park beginnt er ein Gespräch mit einem älteren Ehepaar. Als sie sich verabschieden, merken sie: Sie sind festgefroren.

Von ihnen erfährt er: Dieses Schloss gehörte einst Gustav Gründgens, dann Marianne Hoppe. In der DDR wurde es ein Kinderheim. Das wurde dichtgemacht, als die Landschaft hier das erste mal losblühte. Dann wurde es abwechselnd von Nazis und Punkern besetzt. Dann kam die Polizei. Jetzt ist es privat, keiner kennt den Besitzer, ein hoher Zaun ist drumrum. Regelmäßig kommt der Sicherheitsdienst. Da sind sicher Ratten drin!

„Ist der Wachschutz noch drin? Die Autospuren sind frisch!“

„Nee. Wenn die da sind, lassen die immer das Tor offen.“

Asphalt Tiger folgt einem schmalen Weg durch den Schlossgarten. Was für ein Abenteurer! Der Weg geht direkt am See entlang. Tigers Füße sinken in der nassen Erde ein, das Laub raschelt unter seinem groben Tritt.

„Enten! Seid gegrüßt!“

Die fliegen weg.

„War ich zu laut?“

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