Entführung

Einstein, bitte. Sagt der Durchsager am S-Bahnhof durch. Asphalt Tiger guckt rum und ist erst mal beeindruckt. So ist das also hier, in Mitte, mitten beim Weltkulturerbe. Museumsinsel. Scheiße. Und wenn erst mal das Humboldt-Forum kommt. Dann heißt es: Klugscheiße schon am Morgen fressen! Mit Löffeln, mit Löffeln! Sonst braucht man hier gar nicht mehr ankommen. Dieser Kopf passt durch keine Schrankwand. Überqualifiziert in der Wissensgesellschaft. Eine Brille aus Beton.

Ah! Asphalt Tiger liebt es, mit der Straßenbahn bis Endhaltestelle Hackescher Markt zu fahren! Der alte Apokalyptiker: „Bitte alle aussteigen! Zug endet hier! This train is going to terminate here!” Boah, Determination, geil. Fetzt! Naja, sind wir jetzt mal was vorsichtiger hier. Die Reichtstagskuppel ist seit heute für Besucher gesperrt, damit es keine Unschuldigen trifft.

Jetzt was dem Tiger heute Nachmittag passiert ist. Lesen wir:

Auch wenn es noch so finster aussieht. Also: eher halb dunkel. Oder fast ganz dunkel. Etwa halb vier Uhr nachmittags Ende November. Nieselregen, alles durchweicht. Und natürlich alle diese Hackfressen rundherum. Die sitzen bei so einem Wetter immer da. Asphalt Tiger natürlich auch. Sitzt in der Straßenbahnlinie und erwartet nichts Gutes, eine Tüte rohe Bratwurst auf dem Schoß. Aber gerade dann! Wenn man es für nahezu unmöglich hält. Ausgeschlossen! Die fährt immer auf den gewohnten Gleisen. Alles wie geplant, wie am Schnürchen. Denkt man.

Plötzlich hält die Straßenbahn an. Alle Lichter gehen aus. Ich erkenne deutlich, wie der BVG-Angestellte durch die Bahn nach hinten eilt: an seinen gelben Streifen auf dem Anzug. (Fast so wie ein Tiger, denke ich. Aber nicht so wild!) Dann gehen die Lichter wieder an. Die Bahn fährt rückwärts!

DIE STRASSENBAHN HAT SICH VERFAHREN!!

Ich halte die Luft an! Wow! Geil! Ich habe fast nicht mehr daran geglaubt! Na also! Es geht doch!

Ein Fehler im System. Eine Lücke im Plan. Das hat keiner für möglich gehalten, dass es so was gibt. Atemberaubend. Der Computer versagt. Die Automatik geht kaputt! DAS IST UNSERE CHANCE! Wir müssen nur im richtigen Moment zuschlagen! Geduld! Wachsamkeit! Nervosität!

Seit meiner Jugend habe ich davon geträumt: Eine Straßenbahn zu entführen. Immer wenn ich traurig war, verzweifelt oder aber wütend: Ich entführe eine Straßenbahn! Jetzt! Eine Drohung, eine Beruhigung, eine schöne Phantasie, ein fester Entschluss. Natürlich ist das längst nicht so glamourös wie  Flugzeugentführung. Aber immerhin! Bis zur Endstation, der Fahrtwind bläst, und dann mal weitersehen. Kennt jemand alle Endstationen? Kennt jemand hier überhaupt eine Endstation? Nicht Zentrum! Sondern: Draußen! Wildness! Wildernis! Freiheit! Na also. Das Unerwartete wartet auf uns!

Wie kam ich überhaupt darauf? Tiger, woher der Plan?

Da haben wir mal einen Ausflug gemacht. Wir waren noch jung. Und zu dritt. In so eine verrufende Spelunke in der Altstadt rein. Die heißen immer Standuhr oder Zur Eule und so. Wer geht zuerst rein? Weiß ich nicht mehr. Drinnen alles leer. Es war ja erst sechs. Keine Musik. Wir setzen uns an die Theke, auf Krawall gebürstet. Ängstlich gucke ich mich um: Wo war nochmal die Tür? Die Wirtin erscheint mit kohlrabenschwarzem langem Haar und dicken Augen. „Jungs, drei Bier?“ Erschrecken. Warten. Der eine von uns hat dann eine Limo bestellt. Ein verachtender Blick der Wirtin. Sie holt was hoch, von ganz tief unten, und schenkt ein: gelb, flockig, abgestanden. Wir halten die Luft an: „Pils!“, sagen wir dann schüchtern. „Zwei kleine?“ Die weiß schon Bescheid! Der andere flüstert mir zu: Er hat sich in die Wirtin verliebt. Weil die hinterm Tresen in Badelatschen rumläuft. – Ich bin schockiert.

„Und du, Tiger? Irgendwelche Heldengeschichten? Angebereien?“

Ja. Irgendwie schon. Als wir unsere kleinen Tulpen fast leer getrunken hatten, der eine aber seine Limo noch kaum angerührt hatte, kam der Held rein. Tür auf. Schweigen. Ein rotes Gesicht hatte er schon, bevor ihn die Wirtin anschnauzte:

„Hast wieder dein ganzes Geld auf dem Stadtfest versoffen! Hättste besser bei mir gelassen!“

Da feixte er dann rum, der schüchterne Grobian. Stand eine Weile da und schlenkerte seine dicken Arme. Irgendwie rätselhaft, der Kerl. Vierschrötig, aber lieb. Und: Wow! Was hat der für ein T-Shirt an! I WANT IT! Eine Welt tat sich auf!

Seitdem gucke ich in allen Boutiquen in allen Städten der Welt, ob ich so ein T-Shirt finde. Vergeblich! Auf weißen Grund waren alle Straßenschilder abgebildet, die man sich nur vorstellen kann. Etwas ganz Besonderes! Stop! 60. Einfahrt verboten! Rechts abbiegen. Autobahn. Rot. Blau. Weiß, Schwarz, gelb.

Meine Blicke folgten dem Shirt, als sich der wortkarge Wüstling ins Halbdunkel verkrümelte. Da war ein Münzfernsprecher. Er schwitzte.

„Was machste denn jetzt?“, schnauzte die Wirtin.

„Straßenbahn anrufen!“

Das ging?! Nie wäre ich von allein auf diese Idee gekommen.

Und seitdem wächst mein Plan. Irgendwie.

Und irgendwann mach ich das. Kaper ich das Cockpit. Entführ ich so eine! Zisch ich ab damit! Mit Vollgas der Freiheit entgegen.

Macht wer mit?

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Eine Antwort zu Entführung

  1. Shupo schreibt:

    Na klar wird gemacht, ganz in der Tradition vom
    Dezember 1961
    5. Dezember: Gegen 20.50 Uhr durchfährt ein aus Richtung Oranienburg-Falkensee kommender Dampfzug den ostzonalen Endbahnhof Albrechtshof, passiert die Grenze in Höhe Finkenkruger Weg und hält auf West-Berliner Gebiet. Lokführer Harry Deterling und sein Heizer Hartmut Lichy haben die Flucht gemeinsam verabredet und fluchtwillige Verwandte und Freunde informiert. 25 Passagiere bleiben im Westen, sieben Fahrgäste kehren freiwillig nach Ost-Berlin zurück. Der Dampfzug wird von einer DDR-Lok in den Osten zurückgezogen. Am nächsten Tag wird die Eisenbahnstrecke unterbrochen. Schienen werden herausgerissen und Sperren errichtet. Der Interzonenzug von Berlin nach Hamburg wird über die Bahnhöfe Wannsee und Griebnitzsee umgeleitet.

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