Asphalt Tiger entdeckt Leben am Hackeschen Markt!

Da war ich nun zu früh am vereinbarten Treffpunkt: S-Bahnhof Hackescher Markt, im Herzen der Finsternis. Unsicher lugte ich um mich, Witterung: alles fremd hier. Mich fröstelte. Es fiel Nieselregen. Es ist dunkel. Tiger, was los? – Ich bin schon lang nicht mehr hier gewesen. Hackescher Markt!?? Was zum Teufel … Früher, ja. Immer hier rumgestreunt, Tag wie Nacht. Wo war der Lambada Imbiss noch mal? Wo ich immer Dosenbier und Wodka-Flachmänner gekauft habe, bevor ich hier um die Häuser gezogen bin? Schräg gegenüber irgendwo. Da steht jetzt ein Haus.

Ich guck schräg aus dem Bahnhof raus, Kopf vor, ein Tropfen trifft meine Stirn. Kopf rein. Wie war das? Früher, da war der Bahnhof hier mal aus Holz. Holztreppe hoch, Holzebene oben. Es war im Sommer. Und dann, wenn man vom Bahnhof hier nach Westen gegangen ist. Das war spannend. Erst ein schmaler Pfad. Durch Gebüsch durch. Den Pfad weiter. Der wurde sandig. Mir war leicht schwindelig wegen der Hitze. Trockenes Gras, eine Ebene. Irgend was aus graffitibeschmierten Betonplatten. Kein Mensch. Dann Menschen! Mehrere Wäscheständer. Mehrere Teppichstangen, aber leer. Dann einige Frauen, die Wäsche waschen am Fluss.

„Tiger, du spinnst! Das gibts gar nicht!“, raunt leise die Stimme meiner Vernunft. Nie lässt sie sich vollkommen abschalten.

„Doch!“, protestiere ich. „Aber alles war schon moderner! Sie hatten Waschmaschinen. Da saßen sie drauf. Damit die nicht in den Fluss sprangen, wenn sie schleuderten.“

„Quatsch.“

„Und nach Norden, da ging auch so ein Pfad, aus Berlin raus. Da kam man dann erst an so einem dicken Rohr lang, ein Meter Durchmesser und dunkelgrün, kilometerlang. Eine Gasleitung? Auch vollgekritzelt, daneben war ein Graben. Rechts dahinter Reihenhäuser. Und auch wieder Teppichstangen! Junge Leute benutzten sie als Tore für Fußball. Der Himmel war wolkenverhangen. Ein Wind wehte.“

„Ja! Genau! Und wenn man dann nach links abbog und dann wieder in Richtung Mitte hin, da konnte man dann links oder rechts um einen Platz drumherum. Daneben standen auch Häuser.“

„Stimmt! Hast du doch was behalten, von damals! Und dann wieder weiter Richtung Norden, da war dann die Wohnung, in der Autobahnbrücke drin, die ich mir mal angeschaut habe. Rundrum lauter verdorrte Wiesen.“

Leute rufen. Erleichtert komme ich wieder im Hier und Jetzt an, ich atme auf! Immer noch zu früh.

Dann sehe ich diese seltsame Versammlung hier im Durchgang stehen. Nix wie hin, zuhören. Ein junger Mann mit offenem Rucksack, mit dem Rücken zu mir. Vielleicht ein Tourist? Einer, der auf ihn einredet: „Ich bin Street Punk! Ich bin 42!“ Und ein anderer, der erst mal nur wütend glotzt. Aber gleichzeitig auch sein Gegenüber mit neugierigen, offenen Blicken anrempelt. Wie ein junges Welpen!

Ich wache vollkommen auf. Das finde ich spannend. Denke: Das gibt es also noch – Leben am Hackeschen Markt!? Wow! So viel Liebe unter den Menschen! — Hier!?

Der Streetpunk, sagt: „Ich bin Streetpunk. Ich lebe auf der Straße. In der Gosse, sagen die. Die Möchtegern-Reichen. Die hier arbeiten. Die verachten uns. Weil wir in der Gosse leben. In der Gosse leben ist verdammt hart und anstrengend. Das ist eigentlich richtig Scheiße! Aber, ich sage dir: Hier in der Gosse ist mehr Liebe. Wir lieben einander! Wir helfen einander! Weil wir in der Gosse leben! Wir halten zusammen.

Meinst du, bei den Yuppies ist Liebe? Die haben kein Herz! Die haben nur Verstand! Wir hier in der Gosse: Wir denken mit dem Herz! Wir denken mit dem Herz!“ Reißt die Jacke auf und zu: „Ich hab ein Herz! Hier! – Und meinst du, die Scheiß Yuppies, die würden wen einfach so auf den Mund küssen? Ich, ich küss den hier (mit den blondierten Haaren) jetzt einfach auf den Mund! Einfach so!“ (macht es dann aber doch nicht).

Der junge Mann mit blondierten Haaren schaut den jungen Mann mit offenem Rucksack bedrohlich an. Warum sagt der Mann mit dem offenen Rucksack rein gar nichts? Hört er auch einfach nur so gern zu wie ich?

Und der Freund von dem Streetpunk, der vorerst ungeküsst bleibt, sagt dann: „Stell dir das vor! Die Yuppies! Sind an den schönsten Plätzen überhaupt. Und spielen Gameboy! Überall wo die sind, spielen die Gameboy! Kannst du dir das vorstellen? Die kriegen gar nichts mit, von der Schönheit der Natur!“

Ich: guck mich so um. Wo sieht der junge Herr hier Natur!? Ich sehe den Atem, den ich mache.

Zwischendurch kaufen 16 westdeutsche Touristen mit schwarzen Jack Wolfskin Jacken 16 Einzelfahrkarten im Kiosk und fahren alle nacheinander die Rolltreppe zum Bahnsteig hoch.

Der Junge mit dem offenen Rucksack sagt immer noch nichts. Der Blondierte hat sich was überlegt. Ein Test: „Sag mal, auf den ersten Eindruck: Seh ich so aus, als ob ich emotional bin?“ Mit wütendem Blick. Worauf der Rucksackträger dann nach einer längeren Bedenkzeit sagt: „Ja!“ Und die beiden anderen: Grins! Überwältigt vor Emotionalität schütteln sie sich. Und: Shake Hands! Du bist einer von uns! Sagt der eine: „Das sieht man dir auch an! Dass du auch ein Herz hast!“ Jacke auf, Herz klopfen, Jacke zu.

Dann eine vorsichtige Pause. Ich entferne mich, gucke mal um die Ecke. Schnell zurück. Es geht weiter. Fragt endlich, endlich, der junge Mann mit dem offenen Rucksack was. Der Streetpunk sagt irgendwas wie: „70. Kriegst du hier aber nicht.“ Der junge Mann mit dem offenen Rucksack löst sich sang- und klanglos von den beiden andern und schlurft weg. Die scheinen jetzt aber auch nicht grad traurig zu sein.

Draußen nieselt es. Ich verdrück mich in die andere Ecke des Durchgangs. Nicht dass die beiden mich bemitleiden, weil ich vielleicht kein Herz habe oder sie nicht auf den Mund küssen will.

Dann kommt sie. Sehr gut: Sie hat eine dunkle Mütze auf! Wir müssen schließlich durch den Nieselregen, durch feindliches Gebiet.

Wie gesagt: Das war am Hackeschen Markt! Es gibt also noch Hoffnung!

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