Anverwandeln

Da hatten wir dann die Butterstullen geschmiert und uns endlich auf dem S-Bahnhof Jungfernheide getroffen: Asphalt Tigers alter Kumpel Skate or Die und ich: wer sonst, der Asphalt Tiger. Ein kühler Wind blies. Aber wir mussten irgendwie drüber. Über die Brücke. Über den breiten Fluss. Zuerst eine gewundene Treppe in lindgrün hoch. Wir lieben es, wenn die Architektur natürliche Formen nachahmt. Hier: Eine Schnecke.

Wir hatten ähnliches vor: Uns der Natur anverwandeln. So ähnlich werden wie sie. Um die ganze Freiheit zu spüren!

Freiheit! „Manchmal denke ich“, wende ich mich an Skate or Die … – „Das hoffe ich aber auch“, sagt er in seiner verschmitzten Art, so dass ich erneut ansetzen muss. „Manchmal denke ich, dass es das ist, was uns manchmal fehlt: Freiheit!  Zumindest so im Alltag.“ – Wir holen beide tief Luft. Ein frischer Wind weht uns um die Ohren.  Skate or Die gerät in eine äußerst konstruktive Stimmung, und wir beide fühlen uns plötzlich als findige Partner für Berlin. Diese großartige Stadt! Was könnte man alles machen mit dieser Stadt! So: In Richtung Freiheit. Ja, wir schwärmen von der neuen Imagekampagne für Berlin: Nach „Be.Berlin“ gleich der nächste Knaller: Berlin! Industrie! Geil. Haben wir doch schon immer gewusst. Wir schauen uns fasziniert um. Skate or Die tüftelt: „Aber irgend was fehlt …“ — Ich entdecke: Ja! Genau!

Geile Scheiße! Sollten wir sofort zu Geld machen!

Nun, natürlich gibt es nicht nur die triumphalen Seiten von Berlin, sondern auch die bedrohten. Und natürlich haben wir uns auch über die bei unserem Ausflug ausgiebig informiert. Soll ja nicht nur Schönwetter sein! Direkt bedrohte Einheimische haben wir dabei nicht gesehen. Vielleicht ist das alles auch nur eine Lüge.

Ja ja, so nah liegen Freiheit und Untergang oft beieinander. Ein Frischer Wind – der ist eben oft rau! Aber mit Berlin als Partner … (Zwinker, Klickerklicker)

Dann gings auch schon rein in den Park. Jungfernheide. Asphalt Tiger, also ich … war da schon mal im Sommer, an einem verhangenen Sonntag mit vielen Wolken. Sicher: Die Teiche blinkten trüb, die Bäume drohten düster. Aber irgendwie … fand ich das großartig. So: sozialdemokratisch. So war gibt’s heute ja gar nicht mehr. So: 70er Jahre Wohlfahrtsstaat. Das war so peacig und uncool! Da waren alle Arten von Menschen, alt und jung, dick und dünn, arm und … mittel! Und selbst die Leute mit Kinderwagen haben nicht so rumgemackert wie die in „Prenzlberg“. Viele haben irgend einen Sport gemacht: Wippen, Schaukeln, auf Bäume klettern, Baden. Handtücher haben sie selbst mitgebracht. Für alles waren Geräte da. Alle waren etwas langsam. Aber so waren sie, die Siebziger Jahre …

Ja, Skate or Die in seiner geduldigen Art hat mir zugehört, als ich ihm begeistert davon erzählt habe. Dann haben wir auch mal wieder beide geschwiegen und uns etwas der Natur „anverwandelt“. Wir tragen dazu Schuhe mit extra dünnen Sohlen. Dann haben wir plötzlich was gerochen: „Wildschweine! Die riechen noch wie früher!“ — Ich hätte die am liebsten sofort mit Rotkohl und Knödeln gefüttert, aber Skate hat protestiert: Er ist Vegetarier. Auch eine Oma hat mich entrüstet angeschaut. Aber wirklich: Im Gehege waren ganz große und ganz kleine Wildschweine, wunderschön. Und alle ganz zahm. Ja, die können bleiben. Ich werd das mal Partner für Berlin vorschlagen.

Wir haben dann noch Einiges gesehen. Dann wurde es langsam dunkel, und wir haben den Heimweg gesucht. Fast hätten wir uns noch mal erschreckt! Aber wenn man so viel gesehen hat, an einem Tag, dann gruselt es einen vor gar nichts mehr.

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