Rebellious Youth Culture 2032

Irgendwie war es ein Missverständnis. Nachher wusste keiner von beiden mehr genau, warum sie sich überhaupt in die Haare bekommen haben.

Haare? Das hatte wahrscheinlich irgendwie mit dem Missverständnis zu tun. Jürgen war immer schon Skin gewesen. Seit über fünfzig Jahren hat er keine Frisur mehr getragen. Das heißt aber nicht, dass er keinem ein Härchen krümmen konnte oder wollte! Im Gegenteil! Und an jenem Tag war er besonders übel gelaunt. Sein kräftiger Kiefer mahlte von links nach rechts und zurück. Warum? Vielleicht der Nieselregen. An solchen Herbsttagen kommt immer das Rheuma.

Auf jeden Fall kam jetzt Günther. Er kam direkt auf ihn zu. ‚Mensch, Alter, hallihallo, lang nicht mehr gesehen!‘ Auch Günther war glatzköpfig. Jürgen kniepte ein Auge zu und fixierte ihn: Wer war das!? Kurzsichtig standen sich die beiden nun gegenüber, jeder eine Einkaufstasche schlenkernd. Hartnäckig musterten sie sich, schweigend, prüfend. Das Augenlicht lässt nach, anstrengend! Zwei gichtige Finger schoben zwei graue Kassengestelle nach oben. Nestelten verlegen am Kragen der beigen Anoraks. Zogen die ausgeleierten braunen Cordhosen an den hinteren Gürtelschlaufen nach oben.

Günther ist jetzt zunehmend irritiert. Hatte er doch eine freundliche Reaktion von seinem Gegenüber erwartet. Doch mehr und mehr zweifelt er an seiner Erinnerung: Wie hieß der noch mal? Woher kannte man sich noch mal? Grobschnitt in der Grugahalle oder Franz K., Rock in Scheeßel 1978? Wenn er noch welche hätte, würde er sich die Haare raufen! Geblieben ist davon nur der Schlenker mit dem Kopf, nach links oben.

Langsam, aber unaufhörlich suchten zwei Augenpaare nach Anhaltspunkten – Erinnerungsspuren, Zugehörigkeiten, Gemeinsamkeiten? Gemeinsamkeiten: Falten um Mund und Augen und quer über die Stirnen, grobporige Nasen, teigig gelbe Wangen: ein verlebtes, verhärmtes Gesicht blickte so ins andere.

„Willste?“ Günther will Gemeinsamkeit stiften, kramt einen braunen Lederbeutel aus seiner Anoraktasche und polkt feuchten Tabak hervor.

„Scheiß Hippie!“ – –

Jetzt ist alles klar! Doch jetzt ist es zu spät. Es ist zum Mäusemelken! Jürgen schlägt zu! Der Schlag trifft Günthers stoppelige Rentnerwange. Günthers Gebiss fällt heraus und klappert über den Asphalt. Beim Herumtorkeln zertritt er es mit seinen klobigen Gesundheitsschuhen. Doch als er seinen rechten Arm schützend übers Gesicht reißt, trifft seine daran baumelnde Einkaufstüte Jürgens Hinterkopf. Blitzschnell ist dieser außer Gefecht gesetzt, schwankt, und mit einem Ausdruck des Erstaunens öffnet er seinen Mund: ‚Ooh!‘ Plopp, raus. Das war jetzt sein Gebiss. Als er auf seinen dicken Hintern fällt, zerdrückt er es.

Da sitzen sie nun beide, die Erzfeinde, Angehörige auf ewig verfeindeter Jugendkulturen. Atemlos entsetzt, abgrundtief traurig. Nun ist das Gejammer groß. Was nützt die alte Feindschaft, der alte Hass in diesen Zeiten, wo die Schwierigkeit eines Lebens am Rande, ohne Zusatzversicherung und Riester-Rente, alle Style Wars nebensächlich werden lässt?

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