Forelle Müller

„Was ich hier will? Wie sollte ich das wissen? Ich bin lebenslang Regungen gefolgt, für die mir die Bezeichnung ‚Ruf’ heute zu pathetisch ist. ‚Man soll auch des Mannes gedenken, der vergisst, wohin der Weg führt’, nach dem Rate des Dunklen von Ephesos.“

(Reinhold Schneider: Winter in Wien. Aus meinen Notizbüchern 1957/58. Mit der Totenmaske des Dichters sowie der Grabrede von Werner Bergengruen und einem Nachwort von Karl Pfleger. Freiburg 1963, S. 13)

Danke, Reinhold! Danke, Dunkler!

Was Forelle Müller in letzter Zeit immer in den Klubs will, in denen ich grade meine Platten spinne, weiß ich beim besten Willen nicht. Der legt eine Ausdauer dabei an den Tag! Steht stundenlang auf der Stelle rum, ohne sich zu bewegen, am besten neben einer Säule, in einem Durchgang, manchmal versteckt hinter einem Mauervorsprung. Und tut scheinbar nichts als Löcher in den Raum starren. Man könnte nicht einmal sagen, ob er da etwas beobachtet, oder ob er überhaupt etwas wahrnimmt. Forelle Müller: klein, unauffällig, immer ordentlich grau gekleidet. Ganz schön unheimlich ist das.

Fragt man Forelle Müller selbst, was er da treibt, gibt er sich wortkarg, um nicht zu sagen verschwiegen. Schaut einen nur mit seinen alten Fischaugen dröge an. Ein zäher Brocken. Man muss wissen: Forelle Müller hat gedient. Zwölf Jahre lang. Das prägt. So einem schaut man nicht so schnell in die Karten, der kann was für sich behalten und verfolgt seine Ziele ohne Rücksicht.

Zu späterer Stunde, wenn er ein Pils getrunken hat – immer aus dem Glas, der „Tulpe“, immer nur eins –, dann gibt er sich manchmal jovial und wird redselig, kommt zum DJ-Pult und geht nicht mehr weg. „Forelle Müller, Afghanistan?“ – „Nee nee, mein Bester.“ Und dann kann er stundenlang über das eine Thema reden: Indianer. Nie was anderes. Das nervt vielleicht.

„Gestern hab ick wieder ne Truppe Indianer gerettet. Ganz feine Kerls übrigens. Ham die schönste Musik gemacht die du dir vorstellen kannst. CD hab ick zuhause, kann ick dir ja nächste Mal mitbringen. Freiheit machen ist ja sozusagen Auftrag von die Truppe, aber anschließend kommt das Geschäft. Ab geht die Post! Äh,… DHL heißt das ja heute. Zumindest in Afghanistan.“

„Was du alles weißt! Indianer in Afghanistan?“

„Nee! In der Wilmersdorfer Straße in der Fußgängerzone! Indianer: sind ja n bedrohtes Volk, Kultur und so, muss man schützen, gerade in der Fußgängerzone. Seh ich jedenfalls so. Fahrradfahrer, Streifenpolizei, die ganze üble Canaille. Ick hab da mal aufgepasst, damit denen nichts passiert. Sozusagen Auslandseinsatz, komm ja eigentlich aus Reinickendorf.“

„Aha.“

„Und kaum lieg ich da ne halbe Stunde in Spähstellung, kommen da schon die feindlichen Truppen. Ausm Karstadt Haupteingang raus, gleich zu zweit und in dunkelblau. ‚Wat machen Sie’n da!? Hinter unserm Werbungsschild? Mit ihre Fernrohr? Sie verschrecken ja die ganzen Omas, traut sich ja keine mehr rein.’ Ick dachte, was woll’n die denn, den Omas tu ich nichts, die haben doch ihre schweren Einkaufstaschen zum Wehren. Die sollten sie erst mal kontrollieren!“

„Und dann?“

„Was willste machen, Feind in Überzahl, zwei gegen einen. Rückzugsgefecht. Und die hatten den Überblick übers ganze Gelände. Wo die von morgens bis abends da Patrouille schieben. Sowieso: die ganze Überwachung, überall und unerwartet. War ich wieder mal mit die U-Bahn aufm Weg zum Auslandseinsatz, sozusagen Regierbarkeit in rechtsfreiem Raum herstellen wollen. Kommen da gleich drei von der feindlichen Truppe durch den Wagen auf mich zu und bauen sich vor mir auf. ‚Wo wollen Se n hin? Zeigen Se gefälligst mal ihre Karte!’ – Ich hatte das natürlich schon geahnt und die rechtzeitig runtergeschluckt. Ist ja schließlich: Truppenbewegung. Marschbefehl muss streng geheim bleiben! Ein Soldat kann schweigen. Für die Freiheit!“

Und so weiter und so fort, bis der Laden leer ist und die Lichter angehn. Ich hör da gar nicht mehr zu und versuch nur dahinter zu kommen, was Reinhold Schneider gemeint haben könnte, als er schrieb:

„Es sind nun einmal die Beschatteten und Heimgesuchten, deren Begnadung ihr Geschlagensein durch ein Unbedingtes war.“
(Winter in Wien, S. 72)

Helft mir!

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