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haus der statistikEine der schönsten Geschichten aus dem Zentrum Berlins stand vor einiger Zeit in der Berliner Zeitung.

Die Polizei hat am Donnerstag im früheren Haus der Statistik in Mitte acht Buntmetalldiebe festgenommen. Sie waren offenbar in die seit Jahren leerstehende Immobilie des Bundes an der Otto-Braun-Straße 70–72 eingebrochen, hatten einige Zimmer bewohnt und sogar eine Werkstatt eingerichtet, um Versorgungskabel aus dem riesigen Gebäudekomplex auszubauen.

Im Innern der Hauptstadt, das durch immaterielle Finanzströme und die materielle Gewalt der Immobilienprojekte zusammengehalten wird, in unmittelbarer Nähe des Alexanderplatzes drangen die jungen Leute zu den stofflichen Quellen des gesellschaftlichen Reichtums vor, elegant und leise. Was für ein wunderbarer Gegensatz zum Raubbau an Natur und Arbeitskräften, der in der Peripherie des Globalen Südens im Kampf um Rohstoffe betrieben wird!

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Hier, mitten im Zentrum der Metropole, wo die Mietpreise ins Unerschwingliche wachsen, haben sich junge Leute aus Lettland, Tschechien und Frankreich, “nach ersten Ermittlungen zwischen 25 und 30 Jahre alt, unter ihnen ist auch eine schwangere Frau”, den postfordistischen Traum der Auflösung der Grenze zwischen Leben und Arbeiten in räumlichen Näheverhältnissen verwirklicht und sich ein “kreatives Milieu” im besten Sinne geschaffen: Ihr Arbeitsplatz im selben Haus wie Tisch und Bett, und nach der Arbeit kann gefeiert werden! Best practice: Auf vorbildliche Weise verkörperten die jungen Leute das Image der weltoffenen europäischen Kreativmetropole.

Sicherlich, das High Life hatte seinen Preis: Die ehrgeizigen jungen Unternehmer*innen nahmen beachtliche Risiken auf sich.

[B]ereits im April gab es im Haus der Statistik einen Zwischenfall. Damals waren aus dem Trafohaus ebenfalls Kabel gestohlen worden. Der Stromausfall hatte nicht nur die umliegenden Gebäude, sondern auch einige Wohnhäuser in Prenzlauer Berg lahm gelegt. Er wurde aber nur notdürftig geflickt, die Kabel liegen seitdem im Keller offen, weshalb Lebensgefahr bestand und der Strom abgeschaltet werden musste.

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Jetzt ist der Traum aus. Das Eingreifen der Polizei hat der wirtschaftlichen Selbständigkeit der jungen Existenzgründer*innen ein Ende bereitet. Die jungen Leute stehen vor einem Scherbenhaufen. Arbeit war zur Genüge da, ihre Existenz schien auf Jahre gesichert (Kabel en masse), und auch ohne Zuschüsse vom Senat segelten die Jungunternehmer auf Erfolgskurs. Schließlich bot das seit Jahren leerstehende Haus der Statistik, das bald einem gesichtslosen Neubau weichen soll, genügend Raum zur Selbstverwirklichung und genügend Rohstoffe, die der Verwertung zugeführt werden konnten.

Und schließlich: Der 1968–70 erbaute Komplex, einst Sitz der Zentralverwaltung für Statistik der DDR, bot vielleicht mehr Potential zur Entfaltung einer kreativen Freizeitkultur als mancher Straßenzug in Nord-Neukölln: Früher beherbergte er im Erdgeschoss “beliebte Gaststätten wie Jagdklause und Mocca-Eck, die Suhler Jagdhütte und den Natascha-Laden mit Waren aus der Sowjetunion.”

Doch es sollte nicht sein: Mit gnadenloser Rücksichtslosigkeit machte der staatliche Repressionsapparat dem jungen Traum an einem einzigen Arbeitstag ein Ende:

Bis zum Nachmittag wurde das bis zu zwölf Geschosse hohe Gebäude von der Polizei nach weiteren illegalen Bewohnern durchsucht, andere Personen wurden nicht entdeckt. „Das sind 48 000 Quadratmeter Fläche, das dauert eine Weile“, sagte ein Beamter.

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Andere Unternehmer werden sich bald hier (der Quadratmeterpreis für Grund und Boden liegt inzwischen bei ca. 2000 Euro) niederlassen und ihren vermutlich weitaus riskanteren und schädlicheren Projekten nachgehen.

Das Haus der Statistik soll abgerissen werden. Bund und Land stimmen sich derzeit noch über den Verkauf des Areals ab, auf dem Büro- und Geschäftshäuser sowie Wohnungen errichtet werden sollen.

Vermutlich werden sie dazu beitragen, dass der Raubbau an natürlichen Rohstoffen, der hier so still und leise und ökologisch nachhaltig vor sich ging, weiterhin dort vorangetrieben wird, wo ihn die Menschen der Hauptstadt nicht sehen können: Nicht im Zentrum, sondern in der Peripherie.

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Endspiel

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leipziger 0Neu! Leipziger Straße

Als Asphalt Tiger in die große Stadt gezogen ist, hat er hier begriffen, dass er in der Großstadt ist: in der Leipziger Straße.

Nirgends fuhren die Autos schneller als hier (schön breite Straße), nirgends pfiff der Winder lauter, nirgends waren die Betonkolosse erhabener. Hier konnte man noch den Osten fühlen. Osten hieß damals: Der Wind bläst von Westen.

Es war November. Es war ungefähr so kalt wie heute. Brr! Asphalt Tiger bläst der Wind direkt ins Gesicht. Er läuft die Leipziger Straße lang. Endlich hat Asphalt Tiger eine Tür gesehen und ist da rein.

leipziger 2Innen war ein Schallplattenladen!

Heute gibt es keine Schallplattenläden auf der Leipziger Straße mehr. Im Plattenladen gab es damals schon fast nur noch CDs. Es war Mitte der 90er! Die Regale waren voll mit Plastikhüllen, und wenn man sie aufgemacht hat (Andi Borg stand drauf oder Gigi Anderson), dann hat es silbern gefunkelt. In den Grabbelkisten aus braun lackiertem Metall waren viele ältere CDs (von Eric Burdon oder Nana Mouskouri) zum Sonderpreis. An der Decke hingen zahlreiche Halogen-Spots und haben ein strahlendes Licht verbreitet.

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Ein Heiligtum für Musikfreunde. Heute waren sie alle zuhause und haben ihre neuen CDs gehört. Der Verkäufer hat über sein Heiligtum gewacht, neben der Kasse mit dem grünen LED-Display und dem Schallplattenkatalog. “Ich wünsche Ihnen einen Guten Tag!” Als der Verkäufer auf den Gruß vom Asphalt Tiger nicht geantwortet und nur kurz unwirsch von seinem Schallplattenkatalog aufgeblickt hat, wusste der Tiger, dass hier Schätze versteckt waren.

Vorsichtig sah er sich um.

Da! Jetzt hatte er gefunden, was er suchte!

Gut versteckt, direkt neben dem Eingang, standen eine ganze Menge Platten in Papphüllen, auf einem Stahltisch aus braun lackierten Metall in einem silbern funkelndem Gittergestell. Dass Asphalt Tiger nahezu keine Schallplatte persönlich kannte, sprach für diese Raritätensammlung. Die meisten kamen aus einem anderen, vor etwa sieben Jahren untergegangenen Land.

Dann stockte Asphalt Tiger der Atem: Was für eine Überraschung! Das hätte er nie für möglich gehalten.

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Es war eine Kylie-Minogue Single aus einem untergegangenen Land!

“AMIGA Quartett” stand rechts unten auf der Platte, deren Cover noch bei VEB Gotha-Druck hergestellt worden war. Sämtliche Stücke darauf waren Hits: “The Loco-Motion”, “I Should Be So Lucky”, “Got To Be Certain”. Vorsichtig begann Asphalt Tiger eine Melodie nach der anderen zu summen und mitten im kalten November zeichnete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht ab. Den vierten Titel (Quartett!), “It’s No Secret”, kannte Asphalt Tiger noch nicht, aber dieses Abstreiten Kylies machte das Geheimnis des vierten Songs umso spannender.

Das Preisetikett klebte nur lose auf der Singlehülle: -,50. Er musste es nicht abfummeln und durch ein billigeres Preisschild ersetzen. Asphalt Tiger schlug das Herz bis zum Hals, als er zum Wärter des Heiligtums eierte und die Ware über den Verkaufstresen reichte.

leipziger 4Doch es war kein Irrtum! Asphalt Tiger hatte den Vogel abgeschossen. Als er dem Verkäufer das 50-Pfennigstück auf die Plastikschale gelegt hatte, mit zitternder Hand und Angst, dass der Verkäufer seinen Irrtum in letzter Sekunde doch noch entdeckte, händigte ihm dieser die erworbene Ware anstandslos aus und zog sich brummend in das massive Gehäuse seiner Jeansjacke zurück.

Hastig eilte Asphalt Tiger nach draußen, den erworbenen Schatz unter seine Achsel geklemmt. Den konnte ihm keiner mehr nehmen!

Draußen umwehte Asphalt Tiger wieder der raue Wind der Großstadt, ein rauer Wind (Wind of Change!). Doch die steife Brise machte Asphalt Tiger nichts mehr aus.

Denn er hatte etwas gelernt:

Inmitten dieser riesig großen, rauen und unwirtlichen Stadt waren, wie funkelnde Perlen in braungrauen, häßlichen, scharfkantigen Muscheln, Orte und Gelegenheiten eingelassen, die die Tristesse des häßlichen Alltags urplötzlich mit überirdischer Schönheit aufbrachen und überfluteten! Die Melodie von “I Should Be So Lucky!” sollte Asphalt Tiger von nun an jeden Tag begleiten.

*

Als er allerdings wenige Wochen darauf nochmals das Schallplattengeschäft in der Leipziger Straße aufsuchen wollte, war es verschwunden. Doch das alles war kein Traum! Der Beweis, die Amiga-Single von Kylie Minogue, befindet sich bis heute in der Plattensammlung vom Tiger.

*

Heute ist das Verhältnis von Schönheit und Häßlichkeit, von Offensichtlichkeit und Geheimnis in der Stadt anders verteilt. Man muss nicht mehr so lange suchen, und die Schönheit ist anders ausgepreist. Die Fotos zeigen die Leipziger Straße zwischen Friedrichstraße und Wilhelmstraße, wie sie heute noch aussieht. Ein paar Meter weiter wird in den nächsten Tagen die große Ladenpassage eröffnet. Die Fassade ändert sich dort alle paar Meter, mal Sandsteinplatten, mal Backstein, mal Schiefer. Das massive Betongehäuse dahinter ist überall gleich.

Busoni

oder: Die Selbstsetzung des Widerstandes ist der Weg zur menschlichen Vervollkommnung

Seine Sehnsucht galt der nur geahnten, von Frühnebeln verdeckten aufgehenden Sonne. Er brauchte das Graue, Verhüllende, die Ferne, um zu vollem Bewusstsein von Klang und Farbe zu kommen. Von den inneren Kämpfen erfährt man nur andeutungsweise. Oft hatte man das Gefühl, er behielte vieles für sich zurück. Es gab eben Dinge, die Busoni mit sich allein auszufechten hatte und mit denen er rang. Er wartete, war mit vielem unzufrieden … litt. So wanderte er manchmal durch finstere Straßen fremder Städte, wenn Winternebel die Nacht umdüsterte und Klang und Farbe verschluckten. Suchte er hier in das Leid der Menschheit einzudringen? Die Sterne haben ihre Bahnen und die Menschen weichen einander aus. In der kosmischen Stimmung orientiert sich der Geist.

Busoni, 1866 geboren, schreibt an seine Frau als 43jähriger (7. März 1909): “Nur das Clavierspiel geht gut, ich spiele fast gar nicht mehr mit den Händen. Dieses Spiel wirkt überall gleich stark, was ich auch vortrage.” 1911 gab Busoni seine aufsehenerregenden sechs Lisztabende in Berlin.

Seitdem Busoni “fast gar nicht mehr mit den Händen” spielte, eine psycho-physiologische Einstellung, die er während der Interpretation wach hielt, zauberte er die Bindungen, indem er, vorweg gesagt, den Gegen-stand, den Gegendruck der Taste, ja der Tastensohle organisch verlebendigte. Erst mit dieser verfleischlichten Verinnerlichung umweltlicher Kräfte vermochte er seine Persönlichkeit ganz zum Ausdruck zu bringen. Gestaltung durch Gestalt!

 

(aus: Heinrich Kosnick: Busoni. Gestaltung durch Gestalt. Regensburg 1971: Bosse Verlag, S. 14; 15; 17)

 

Der Storch

storch mehrow 1storch mehrow 2

Satan

satan

straße weggesackt 1straße weggesackt 3straße weggesackt 2Zum Runterkommen nach der Aufregung: Wow! Beach Boys – spirituell wie Pharoah Sanders!

 

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